Interview: Enslaved

Enslaved (Ivar Bjornson)

Das Hier und Jetzt ändern

ENSLAVED haben das besondere Talent, Metal-Fans aller Genres anzusprechen. Musikkenner wissen die großartigen Klänge der norwegischen Band zu schätzen. Ihr neuester Output „Axioma Ethica Odini“ ist im Gegensatz zu seinem Vorgänger „Vertebrae“ wieder ein Tick böser geworden. Und auch hinter dem Titel verbirgt sich wieder einmal ein großes Konzept, das uns Gitarrist Ivar gerne vorstellen möchte.

Text: Jenny Bombeck | Foto: Enslaved

Auch Musiker führen ein Leben, das nicht immer aus Sex, Drugs and Rock‘n‘Roll besteht. Gitarrist Ivar Bjørnson sitzt noch im Meeting und so muss erst einmal das Interview eine Stunde nach hinten verschoben werden. Aber ein Profi lässt sich hinterher nichts anmerken. Ivar macht am Telefon einen entspannten Eindruck, während er Enslaveds neuestes poetisches Werk vorstellt. Das Wort ‚poetisch‘ tritt während des Gesprächs öfter auf. Und jeder, der sich einmal die Zeit genommen hat, um die Lyrics der Band genauer zu studieren, wird diese Bezeichnung nachvollziehen können. Auf plakatives Phrasengedresche wird man bei dieser Band nicht stoßen. Die Truppe präferiert Konzeptalben, die zwar keine Geschichten erzählen, aber dennoch einen roten Faden in Form eines Überthemas haben. Auch dieses Mal haben sich Ivar und Sänger und Bassist Grutle Kjellson Gedanken gemacht. Hinter „Axioma Ethica Odini“ verbirgt sich ein philosophisches Buch, das Ivar bereits selber gelesen hat und ihnen als Inspirationsquelle diente.

Ratschläge statt Gebote

„Das Buch heißt ‚Ethica Odini‘ und gehört mit zu den zentralen Veröffentlichungen, wenn es um den Bereich der Philosophie geht. Es beinhaltet die Ethik Odins sowie die der Wikingerära. Das Buch wurde später von Mönchen übersetzt, sodass diese Literatur mittlerweile weltweit bekannt ist. Ich habe es bereits auch selber in verschiedenen Sprachen gelesen. Es ist nicht das längste Buch und besteht aus ein paar hundert Versen, die recht poetisch gehalten sind. Wir haben das Werk schließlich mit dem Wort Axiom verbunden, das ein wissenschaftlicher Begriff für die absolute Wahrheit ist“, erklärt der bärtige Norweger.

Der Kontrast zwischen der natürlichen Ethik und der die von Menschen gemacht wurde, zieht sich durch das gesamte Album. Manche Songs haben einen direkten Bezug auf einige Verse, andere wiederum seien einfach generell davon inspiriert. Ivar betont bei dieser Beschreibung noch einmal, dass sich dieses Buch von anderen religiösen Texten unterscheide, indem es keine Ge- und Verbote aufstellt, wie es so oft die christliche, muslimische oder jüdische Religion mache. „Ethica Odini“ gebe eher Ratschläge und zeige Beispiele auf, die dem Menschen helfen sollen.

Bei einer derartigen Komplexität der Texte fragt man sich, ob eine einzelne Person dies allein bewältigen kann. Hierbei stellt sich heraus, dass sich Ivar und Grutle die Arbeit aufteilen und gemeinsam an den Texten feilen und auch gerne die ein oder andere ergiebige Diskussion darüber führen. „Wir kreieren für jedes Album ein kleines, eigenes Universum, in dem die Songs eine Verbindung haben. Diese Art zu schreiben, ist für mich als Songwriter sehr inspirierend. Ein Universum zu erschaffen, gibt mir und dem Album das Gefühl, eine Geschichte von Wert geschaffen zu haben“, erklärt Ivar.

Der Text des Songs „Singular“ beschäftigt sich beispielsweise mit der Frage nach der Individualität innerhalb einer Gruppe oder Gesellschaft. Viele moderne Menschen in der westlichen Welt haben Angst davor alleine dazustehen. Ivar klärt dies folgendermaßen: „Es gibt viele Menschen, die Angst davor haben, nicht dazuzugehören. Einige gehen so weit, dass sie ihre eigene Persönlichkeit dafür aufgeben. Jeder will in der Öffentlichkeit stehen. Heutzutage sammelt jeder sogenannte Freunde auf Social-Media-Plattformen. Da bleibt die Frage offen, ob man überhaupt noch die Zeit findet, sich selber weiterzuentwickeln oder ob man wirklich weiß, wer man ist, wenn all meine Gedanken auf die von anderen Menschen beruhen und von der Öffentlichkeit beeinflusst sind. Ein gutes Beispiel hierfür sind Jugendliche, die psychische Probleme bekommen, weil sie nicht genügend Freunde auf Facebook sammeln und somit nicht beliebt genug erscheinen. Man muss nicht die Meinung anderer übernehmen, um ein wertvoller Mensch zu sein.“

Eine unendliche Geschichte

Wenn man den Verlauf der Albenveröffentlichungen näher betrachtet, so fällt einem auf, dass sich Enslaved mit der Zeit aus textlicher Sicht immer weiter von der populären Viking-Szene entfernt haben. Ivar erklärt, dass dies aber kein bewusster Schritt gewesen sei. Sie hätten mit der Zeit herausgefunden, dass es ihnen persönlich mehr liegt, wenn sie die Nordische Mythologie aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Über Wikingerkämpfe zu schreiben, sei nur ein kleines Fragment dieser Szene. Außerdem habe er das Gefühl, dass nur die mittelalterliche Zeit des Heidentums genauer betrachtet werde. Für Enslaved ist das Heidentum eine unendliche Geschichte, die aus philosophischer und psychologischer Sicht erkundet werden kann. Außerdem kritisiert er, dass die Pagan-Szene eigentlich gar nichts verändern möchte. Sie flüchtet lediglich und kreiert ihre eigene Phantasiewelt, die mit der Realität nicht viel am Hut habe. Enslaved hingegen haben sich dazu entschieden, mehr am Hier und Jetzt verändern zu wollen.

Und ihr natürlicher Instinkt hat sie dazu geführt, dass dieses Album, im Gegensatz zu seinem Vorgänger, wieder aggressiver werden sollte. Enslaveds dunklere Seite kommt erneut zum Vorschein und gerade dies erfreut so manchen Fan, dem die Band zuletzt zu progressiv wurde.

www.enslaved.no