In der eigenen Geschichte unterwegs
FREEDOM CALL erzählen auf „Legend Of The Shadow King“ die Geschichte von König Ludwig II. Sänger und Gitarrist Chris Bay lädt im Interview zur gemeinsamen Geschichtsstunde ein und erklärt zusätzlich die Gerüchte über den vermeintlichen Ausstieg von Drummer Daniel Zimmermann.
Interview: Dorian Gorr | Foto: SPV
Chris, Freedom Call sind zweifellos eine Band, die geliebt oder gehasst wird. Siehst du diesen Umstand als Vor- oder Nachteil an?
Ich finde das eher positiv. Wenn eine Band polarisiert, dann bedeutet das meist, dass sie einigen Leuten sehr gut gefällt. Dass man es mit der eigenen Musik niemals allen recht machen kann, daran gewöhnt man sich sehr schnell. Damit muss man rechnen, wenn man spezielle Musik macht. Und ich finde, dass Freedom Call spezielle Musik machen, weil unsere Musik Freude und Optimismus ausstrahlt, wohingegen es bei einem Großteil der Metal-Bands eher angesagt scheint, zum Lachen in den Keller zu gehen. So sind wir nicht. In diesem Fall sind wir ziemliche Außenseiter und die Opposition zu den vielen lebensverneinenden Bands. Mit diesen Attributen in der Metal-Szene Fans zu gewinnen, ist dabei natürlich eine besondere Herausforderung, hat aber auch seinen ganz eigenen Reiz.
Auf dem neuen Album präsentiert ihr ein Konzept, das sich mit König Ludwig II. befasst. Das ist eine durchaus nicht alltägliche Wahl.
In der Tat. Freedom Call kommen aus Bayern und wir hatten Interesse daran, unsere eigenen geschichtlichen Wurzeln etwas zu ergründen und dabei nicht unbedingt auf Fabelwesen, Feen, Drachen und Ritter zurückzugreifen. Als wir uns umschauten, was man aus unserer Gegend verwerten könnte, stießen wir auf König Ludwig II, der natürlich ein wichtiger Teil der hiesigen Geschichte ist, also haben wir uns an dieses Thema herangewagt.
Wenn man wirkliche geschichtliche Fakten verarbeitet, bedarf es doch weit mehr Recherchearbeit oder?
Ja, das stimmt. Die Grundkenntnisse waren natürlich schon vorhanden, weil wir das alle in der Schule gelernt haben. Man kennt die Basisdaten, also dass er Schloss Neuschwanstein gebaut hat, ein wenig durchgeknallt war und auf tragische Weise starb, was in die Geschichte als Selbstmord einging. Darüber wird bis heute diskutiert, da durchaus die Möglichkeit besteht, dass er von seinem Regime ermordet wurde, da er nicht selten gegen Staatsinteressen handelte. Dieses Ausgangswissen haben wir durch zusätzliche Recherchearbeit aufpoliert. Das war hauptsächlich der Arbeitsbereich unseres Schlagzeugers Daniel Zimmermann.
Inwiefern passt das Konzept zum Albentitel „Legend Of The Shadow King“? Er schien ja nicht ganz bei Sinnen zu sein, aber inwiefern war Ludwig II. dadurch ein Schattenkönig?
Er war schon bei Sinnen, glaube ich. Er wurde lediglich als verrückt dargestellt, damit man ihm die Macht entziehen konnte. Ob er wirklich verrückt war, ist nicht endgültig bewiesen. Man kann aber durchaus sagen, dass er eigenartig und egozentrisch war. Er hat sich kein bisschen für Politik interessiert, was bei seinem Regime, das Krieg führen wollte, natürlich auf wenig Gegenliebe stieß. Er errichtete lieber Bauten und lebte in Prunk anstatt die Armee aufzurüsten. Der Titel geht auf eine Aussage von ihm zurück, die überliefert wurde und die lautet: Ein König ohne Macht ist ein Schattenkönig. Das wurde einer von mehreren Beinamen, der ihm anhaftete. Andere Varianten waren Märchenkönig oder Mondkönig, weil er eine besondere Faszination für den Mond hatte und manchmal nachts seine Belegschaft rausklingelte, um Spaziergänge im Mondlicht zu veranstalten.
Er war auch sehr musikbegeistert oder?
Ja, ihn verband eine enge Freundschaft mit Richard Wagner, die aber schließlich dadurch überschattet wurde, dass er in dessen Kompositionen reinreden wollte und noch nicht freigegebene Stücke aufführen ließ. Das ließ die Freundschaft schließlich zerbrechen.
Wie passt ein Titel wie „Merlin“ in das Konzept?
Wir hatten bereits einige Songs geschrieben, bevor wir uns auf das Konzept stürzten. Wir versuchten diese Songs umzuformen, sodass sie textlich ins Konzept passten, das verfälschte sie aber nur, also entschieden wir uns dafür, sie der Authentizität zuliebe losgelöst vom Konzept auf das Album zu packen.
Eine Schreckensmeldung las ich vor wenigen Tagen, die besagte, dass euer Schlagzeuger Daniel Zimmermann die Band verlassen wird. Stimmen diese Gerüchte?
Nein, nicht wirklich, Freedom Call ist ja sein Baby. Aber es wird sich was ändern. Die Arbeit mit Gamma Ray und Freedom Call ist ihm zuviel geworden, das merkte er während der Tour mit Helloween, die fast ein Jahr dauerte. Er wird von nun an nicht mehr überall dabei sein.
Das ist recht unpräzise. Was konkret bedeutet das?
Bei unserer jetzigen Tour mit Gamma Ray war es ja eh unrealistisch, dass er zwei Shows am Stück spielen würde. Wir haben deswegen einen Ersatzmann: Klaus Sperling, der auch schon für Primal Fear getrommelt hat. Im Studio wird Daniel nicht mehr bei jeder Kleinigkeit dabei sein, uns aber nach wie vor mit Rat und Tat zur Seite stehen. Er zieht sich etwas zurück, an Freedom Call an sich wird das aber nichts ändern. Versprochen!








