Schweigen ist Gold
Chris Barnes, Fronter von SIX FEET UNDER, eilt der Ruf voraus, ein schwieriger Interviewpartner zu sein. METAL MIRROR hat den mutigen Vorstoß gewagt und den Sänger mit den meterlangen Dreadlocks zu „Graveyard Classics 3“ befragt. Aus diesem Gespräch verwertbare Informationen mitzunehmen, entpuppt sich dabei als schwieriger als gedacht. Im Folgenden die Chronik eines Interviews mit einem eigenwilligen Protagonisten.
Text: Dorian Gorr | Foto: Metal Blade
Wie heißt es so schön: Man wächst mit den Herausforderungen. Logischerweise ist es also wünschenswert, dass man sich Herausforderungen stellt. Im Musikjournalismus gibt es einige Herausforderungen, denen man entgegentreten kann. Schwierige Interviewpartner sind dabei die wohl am häufigsten vertretene Kategorie und Chris Barnes ein Paradebeispiel für diese Rubrik.
Hannover im Februar: Draußen liegt Schnee. Das Telefon klingelt und ein freundlicher Promoter von Metal Blade meldet sich. Ob ich bereit bin, mit Chris Barnes zu sprechen, fragt mich der Kollege aus den USA. „Natürlich“, antworte ich, in der Hoffnung, dass er auch Chris Barnes diese Frage gestellt hat. Eine Minute später ist es soweit. Eine verschlafende Stimme meldet sich am anderen Ende der Leitung und nuschelt etwas, von dem ich intuitiv annehme, dass es etwas wie „Wie geht‘s?“ bedeuten soll. Keine Frage: Motivation, sich einem Journalisten zu stellen, klingt anders. Aber was soll es: Die Fragen sind vorbereitet, ich will Antworten. Und immerhin erfahre ich unverzüglich, dass „Graveyard Classics 3“ bereits seit 2007 geplant war und anfangs sieben Songs zur Diskussion standen, aus denen letztlich das Album entstand, das Mitte Januar mit zehn Songs in die Regale der Plattenhändler gelang.
„Wir müssen natürlich immer gucken, ob die Songs auch zu unserem Stil passen. Ob sie sich als Cover-Songs eignen“, erklärt Chris schläfrig.
Ob es für ihn eine Möglichkeit sei, sich von eigenen Kompositionen zu erholen und man damit Zeit überbrücken könnte, bis die Akkus für neue Six-Feet-Under-Songs wieder aufgeladen sind, will ich wissen, woraufhin Chris mit einer langen Schweigepause reagiert. Für einen Moment denke ich, dass die Leitung tot ist, da meldet sich Chris wieder mit seiner wohlüberlegten Antwort: „Nicht wirklich. Wir machen das nur, weil es Spaß macht.“ Aha.
Auch seien Cover-Alben nicht als Möglichkeit gedacht, um sich anderen Genres zuzuwenden. Er würde sich gar nicht auf irgendwelche Genres konzentrieren oder entsprechende Konventionen berücksichtigen, erklärt der menschenscheue Sänger.
„Ich höre gar keinen Death Metal. Nur unsere Sachen von Six Feet Under, aber ansonsten interessiert mich diese Musikrichtung gar nicht. Ich habe auch früher so gut wie kein Death Metal gehört. Manche bezeichnen unsere Musik als Death Metal, aber so etwas juckt mich gar nicht. Klar, es gibt ein paar Death-Metal-Songs, die ich gut finde, aber Interesse an der Szene und den Bands habe ich nicht“, ufert Chris‘ Erklärung in einen (für seine Verhältnisse) Monolog aus.
Doch damit genug der Anstrengung. Und immerhin kann man diese Aussage auch erst einmal sacken lassen. Da streiten sich jahrelang „richtige“ Death-Metal-Fans mit Six-Feet-Under-Jüngern darum, ob die Band aus Florida als Death Metal einzustufen ist oder nicht und Herr Barnes selbst zeigt null Interesse daran, als was seine Band kategorisiert wird.
Dass die musikalische Ausrichtung der Band stets eine andere war, als die der zahlreichen Blastbeat-Combos, war für viele Hardliner nie akzeptabel. Death-Metal-Vocals gepaart mit groovenden Rock‘n‘Roll-Passagen, das wollte für manch ein Ohr einfach nicht zusammenpassen, bescherte der Band aber zurecht eine weltweite, sehr loyale Fanbasis. Und die Musik war nicht der einzige Moment, der Six Feet Under ins Kreuzfeuer der Kritik manövrierte. Auch die beim ersten Teil noch als „mal was anderes“ und innovativ eingestufte „Graveyard Classics“-Serie rief beim zweiten Teil, der 2004 erschien, Kritiker auf den Plan. Auf diesem Album spielte die Band AC/DCs Meisterwerk „Back In Black“ an einem Stück. Chris hält diese Idee auch heute noch für brillant.
„Das Album war super und bescherte uns viel Aufmerksamkeit, weil es so etwas vorher noch nie gegeben hatte. Es war damals die genau perfekte Zeit, um so etwas zu veröffentlichen“, so Chris euphorisch (auch wenn diese Euphorie in der Stimme nicht durchschimmert).
„Well, I don‘t know“
Mittlerweile sind zehn Minuten des Interviews um. Die Anzahl der Fragen, die ich bis hierhin gestellt habe, hätten bei den meisten anderen Bands schon jetzt den Rahmen einer halben Stunde gesprengt, doch Chris geht heute äußerst ökonomisch mit seinen Worten um. Allzu gewagte Fragen werden meist mit einem langen Schweigen, einem anschließenden „Well, I don‘t really know“ beantwortet. Dass Chris zu keinem Zeitpunkt Lust darauf hat, weitere Fragen zu beantworten, daran lässt er keinen Zweifel aufkommen. Nicht aus Boshaftigkeit, sondern scheinbar aus Langeweile, Desinteresse und Lethargie. Dennoch versuche ich so viele Details aus dem Sänger herauszubekommen, wie nur eben möglich, auch wenn sich das als Spießrutenlauf entpuppt. Es ist ihm egal, was die Musiker, deren Songs er covert, von seinen Versionen halten. Bisher habe er noch kein Feedback erhalten, außerdem fordere einen ein Cover-Album auf andere Art und Weise heraus als ein regulärer Studio-Release. Inwiefern anders, das kann Chris nicht recht beantworten, es könne jedoch durchaus passieren, dass ein Cover-Album mehr Zeit beanspruchen würde, weil man die Songs dem eigenen Stil anpassen müsse und sich dafür natürlich nicht alle Songs eignen würden.
Die Songauswahl für „Graveyard Classics 3“ sei dabei abermals ein Spiegel der persönlichen musikalischen Präferenzen, zu einem kurzen Kommentar zu jeder der vertretenen Bands (immerhin sind unerwartet so Namen wie die Ramones, Anvil, Mercyful Fate oder Bachman-Turner-Overdrive dabei) kann er sich aber nicht hinreißen lassen.
„Da gibt es nichts zu sagen, das sind Bands, die ich mag. Mehr nicht.“
Aha. Dann versuchen wir etwas anderes und lassen das Cover-Album hinter uns. Vielleicht gelingt ja ein Blick in die Zukunft. Das nächste Six-Feet-Under-Album wird immerhin das zehnte seiner Art sein. Herr Barnes ist mittlerweile auch nicht mehr der allerjüngste, hat die 40 schon überschritten, stimmlich hat er aber kaum nachgelassen. Als Death-Metal-Sänger möchte er sich trotz seinem recht eindeutigen Gesangsstil nicht notwendigerweise verstanden wissen.
„Ich singe nur, wie ich mich fühle. Ich denke über so etwas nicht nach.“
Ein neues Album zu schreiben sei aber nach wie vor aufregend für ihn, wobei Chris das Wort „aufregend“ ironischerweise so langgezogen und nuschelnd ausspricht, als würde er jeden Moment ins Delirium fallen. Über die konkreten Pläne für das zehnte Album möchte er jedoch nicht sprechen. Eine Überraschung angesichts der sonst so informationsreichen Berichterstattung. Ich resigniere. Dieser Musiker wirkt nicht unsympathisch oder boshaft, aber er hat keine Lust mehr. Eine Viertelstunde habe ich mich bemüht, ein vernünftiges Gespräch aufzubauen und dabei das erste Mal in meinem Interviewer-Leben mehr gesprochen als die befragte Person. Ob „Graveyard Classics 4“ kommen wird (und Chris Barnes dann auskunftsfreudiger ist), weiß der Bandchef noch nicht. Wir wollen es hoffen.








