Titelstory: Borknagar

Interview mit Borknagar | Oystein

Bis zur Einzigartigkeit und noch viel weiter

Seit 15 Jahren kämpft sich Øystein Garnes Brun unter dem Banner von BORKNAGAR zu immer neuen Tiefen progressiven Viking Metals. Nichts bleibt gleich – alles ist anders. „Universal“ markiert einen Punkt des Zurückgreifens und Fortschreitens – einen Weg zurück zur Natur und Hinaus ins Universum. Metal Mirror sprach mit dem Borknagar-Mastermind.

Interview: Elvis Dolff| Foto: Indie Recordings

Oystein, zuerst einmal herzlichen Glückwunsch zu eurem neuen Release „Universal“. Was kannst Du uns dazu sagen? Gibt es ein spezielles Konzept? Welchen Punkt markiert die neue Platte in der Entwicklung und Geschichte Borknagars?
Vielen Dank. Was das neue Album so speziell macht, ist dass es das gute alte Gefühl der Band wieder aufleben lässt. Mit „Universal“ gehen wir einen Schritt weiter nach vorne, gewinnen aber gleichzeitig etwas von unserem musikalischen Kern zurück. Dem Kern, aus dem wir gemacht sind. Was die Lyrics angeht, hatten wir immer schon eine heidnische Einstellung. Auf der neuen Platte ist diese eventuell etwas subtiler. Die Idee hinter dem Titel „Universal“ war diese Haltung in einen universelleren, kosmischeren Kontext zu bringen. Ich meine, Wikinger, die Met trinken und Helme tragen, das ist alles cool, aber für mich ist die heidnische Einstellung eher eine geistige Sache. Die Überzeugung, dass die Natur alles im Gleichgewicht hält, die Liebe zum Reisen und Entdecken. All das findest du in der altnordischen Mentalität und das ist es, was wir mit „Universal“ in einen größeren, globaleren Kontext bringen.

Gehen wir ein Stück zurück: Was waren deine ersten Absichten mit einer „All-Star-Gruppe“ wie Borknagar? Was bedeutet der Name für dich?
Anfangs war es einfach meine große Leidenschaft, Musik zu machen und diese auszuleben. Ich denke, das ist etwas, das religiösen Leuten gleichkommt. Sie leben ihre Religion mit allem was dazu gehört. Für mich ist es eine ähnliche spirituelle Leidenschaft in der Musik, eine treibende Kraft, die immer da war. Am Anfang war es einfach der Wille, gute Musik zu machen und diese zu genießen. Ich hatte keine Vision oder große Idee, ein berühmter Musiker oder Rockstar zu werden und viel Geld zu verdienen. Das war nicht meine Absicht. Wir haben Karriere gemacht und auch einige Platten verkauft, aber die treibende Kraft war immer die Leidenschaft, Musik zu machen. Und dasselbe gilt für den Namen. Ich wollte immer eine Band haben, die in keiner Weise musikalisch nachzuahmen ist. Um das zu ermöglichen, kam die Idee auf, der Band einen Namen zu geben, der nichts bedeutet. „Borknagar“ hat keine Bedeutung und man kann es nicht übersetzen. Es ist ein konstruierter Name. Ich wollte einen Namen, der nur die Band bedeutet und nichts anderes. Würde ich jetzt in ein paar Jahren Jazz spielen, ist das kein Problem, denn wir haben uns ja nicht nach unserem musikalischen Stil benannt. Für mich war es immer wichtig, musikalisch vollkommen aufgeschlossen zu bleiben und keinerlei Limits zu haben. Nicht dass wir vorhätten Jazz oder Blues zu spielen, aber es ist einfach das Gefühl, es prinzipiell zu können. Mit einem Namen, der nur „die Band“ ausdrückt, habe ich vollkommene Kontrolle über meine musikalische Karriere.

Borknagar hat sich durch die Jahre sehr stark entwickelt. Von anfänglich stärker vom Black Metal beeinflussten Sounds zu einem Werk, das sich oft zwischen Melancholie und Epik wiederfindet. Wie siehst du diesen Wandel?
Auch ich als private Person entwickle mich und schreite fort, geistig wie auch physisch. Nichts steht still. Und das ist natürlich dasselbe mit der Musik. Meine Musik soll eine Art Soundtrack meines Lebens sein. So muss ich mich verändern, ich muss mich entwickeln. Als Person wie auch als Band. Und auch die Umstände und das Umfeld verändern sich. Wir haben uns nie von kommerziellen Interessen beeinflussen lassen. Ich wollte immer eine Band haben, die in ihrer Grundausrichtung ständig in Bewegung ist. Eine Band, die progressiv ist, neue Dinge ausprobiert und immer musikalisches Neuland sucht. Es ist Teil der Mentalität der Band. Es entspricht ihrer Natur und es gibt auch keinen anderen Weg. Der Tag, an dem ich mich wiederholen würde, wäre der Tag, an dem ich aufhören würde, Musik zu machen. Es würde dann keinen Sinn mehr für mich machen. Progression ist ganz natürlich.

Auf den ersten Alben der Band waren viele Songs noch in norwegischer Sprache. Was hat dich dazu veranlasst, das zu ändern?
Da muss ich ganz ehrlich sein. Ich finde Englisch ist wohl die beste Sprache, um Musik zu machen. Norwegisch ist eine coole Sprache und sie klingt gut, aber wir als Musiker hatten auch das Gefühl, dass wir uns mit der Band weiterentwickelt haben und dass die Zeit der norwegischen Lyrics vorüber war. Nicht aus kommerziellen Gründen oder um mehr Fans zu bekommen. Ich glaube, wären wir dabei geblieben, hätten wir sogar noch mehr Erfolg gehabt, weil es damals schon im Trend lag. Generell brauchten wir das Englische, damit es insgesamt wirklich gut klingt.

Auf eurem Album „Epic“ sind zwei Songs, die den Titel von zwei eurer Alben tragen. Gibt es einen tieferen Kontext zwischen all euren Werken? Eine Art Dramaturgie in der musikalischen Geschichte von Borknagar?
Ja, ich setze sehr gerne solche Referenzpunkte innerhalb des gesamten Songwritings. Auf dem dritten Album haben wir auch einen Song, der „Universal“ heißt. Als ich den geschrieben habe, hatte ich eine Idee vor Augen, eine lange Kette von Gedanken. Aber ich hatte das Gefühl, mit den Ideen nie wirklich abgeschlossen zu haben, weshalb wir den Gedanken mit dem neuen Album aufgegriffen und größer gemacht haben. Für mich ist es wichtig, die einzelnen Alben im Geiste irgendwie in Verknüpfung zu sehen. „Universal“ war auf „The Archaic Course“ nicht in seinem vollen Umfang ausgereizt, aber jetzt steht dieser alte Ansatz voll und ganz im Fokus. Es ist immer interessant, ein paar alte Ideen wieder aufleben zu lassen. Auf „Universal“ sind auch ein paar andere Songs, die sich auf ältere Titel beziehen. Alles hängt also irgendwie zusammen. Wir haben immer schon versucht, unser eigenes musikalisches Universum zu erschaffen und da sollten wir stolz drauf sein. Von Zeit zu Zeit greifen wir gerne alte Ideen wieder auf und legen sie in einem neuen Kontext neu auf. Das ist eine sehr coole Art damit umzugehen.

Was kannst du uns über die Entstehung eures akustischen Albums „Origin“ sagen? Bleibt es das einzige dieser Art oder hast du noch andere Spezialprojekte im Hinterkopf?
Im Moment nicht. Ein akustisches Album werden wir eventuell wieder in fünf oder sechs Alben machen, keine Ahnung. Bevor wir das Album gemacht haben, schien es wie eine große musikalische Reise. „Epic“ war ganz anders, aggressiv, tiefgründige Lyrics, alles war irgendwie groß. Mit „Origin“ wollten wir alles wieder zurück auf den Boden holen, es einfach und organisch machen: akustisch. Am Anfang von Borknagar haben wir auch oft akustische Songs geschrieben, die sich auch teilweise auf dem Debüt wiederfinden. Auf der anderen Seite wollten wir auch den Kreis durchbrechen und kein weiteres Album wie „Epic“ anschließen. Viele haben das zwar eventuell erwartet, aber wir wollten back to the basics und das bedeutet für uns zurück zur Akustik. Die Idee dafür hatten wir eigentlich auch schon in den späten Neunzigern. Kommerziell ist es bestimmt nicht unser bester Release, aber wir hatten das Gefühl, dass es einfach die richtige Zeit dafür war.

Kannst du mir eine Art Kurzinterpretation einer deiner Songs geben? Ein Song, der dir gerade in den Kopf kommt, der dir vom Songwriting her viel bedeutet? Einer meiner Favoriten ist zum Beispiel „Traveller“.
Ja, bei dem Song ging es sehr um das Gefühl des Entdeckens. Zu der Zeit und mit „Epic“ waren die meisten Themen philosophischer Natur. Bei „Traveller“ ging es darum, eine philosophische Haltung zu haben. Keine große Botschaft oder so. Generell war es wohl einer unserer philosophischsten Songs, zumindest was die Lyrics angeht. Was kann ich groß sagen, es ist ein super Song. Ich mag ihn selber sehr gerne. (lacht – ed)

Eine Frage zu den verschiedenen Einflüssen der Band, speziell im Bezug auf die verschiedenen Bandmitglieder in den ganzen Jahren. Was würdest du sagen, haben zum Beispiel Erik „Grim“ Brodeskift und Ivar Bjornsson von Enslaved zu den ersten Alben beigesteuert? Und was Asgeir Mickelson, der 2008 nach zehn Jahren ausgeschieden ist. Was hat sie ausgemacht?
Also was Erik betrifft, ist wohl das wichtigste, dass wir die beiden waren, die die Band gegründet haben. Wir haben angefangen zu proben, Songs auszuwählen und zu arrangieren. Klar haben da noch mehr Leute eine Rolle gespielt, aber rein musikalisch waren es grundsätzlich wir zwei. Ivar schaffte es, viel von  dieser nordischen Stimmung in die Band zu bringen. Er half uns das zukünftige Bild der Musik auszumachen. Der ausschlaggebende Faktor, den Asgeir in die Band gebracht hat, war sein progressiver Stil: impulsive, progressive Musik. Auf „The Archaic Course“ waren wir sehr vom Prog Rock der Siebziger beeinflusst, aber erst als Asgeir zu uns stieß, wurde es richtig rund. Er hatte wirklich einen großen Einfluss mit seiner Progressivität.

Was drücken die einzelnen Vokalisten der Band für dich persönlich aus? Was unterscheidet Garm, ICS Vortex und Vintersorg voneinander?
Ich will sie wirklich ungern miteinander vergleichen. Alle drei haben brillante Stimmen und sind tolle Musiker. Mit Garm kann man großartig zusammenarbeiten. Er hat immer ein sehr gutes Gefühl dafür, was gut und was schlecht ist. Natürlich hat er auch eine super Stimme. Und dasselbe gilt für Simen (ICS Vortex – ed). Er hat eine unglaubliche Stimme, mittlerweile wohl auch eine sehr bekannte. Ich denke, er hat dieses alte Black-Sabbath-Feeling mit reingebracht, das war fantastisch. Und dann noch Vintersorg, der mittlerweile am längsten mit dabei ist. Er ist ein sehr guter Freund und auch wenn es um Musik geht, haben wir ein sehr gutes Verhältnis zueinander. Sowohl in der Einstellung zur Musik als auch im Bezug darauf, Musik zu machen. Außerdem ist er ein großartiger Vokalist. Er hat eine breite Palette von stimmlichen Fähigkeiten, vom Growling bis zum Screaming, vom sanften bis zum harschen. Ein Universaltalent, das alles machen kann. Ich bin auf jeden Fall sehr froh, mit ihm zusammenzuarbeiten.

Was kannst du uns zu Cronian, deinem Nebenprojekt mit Vintersorg, erzählen?
Vintersorg und ich sind wirklich sehr gute Freunde und wir reden sehr viel über Musik. Irgendwann haben wir festgestellt, dass wir jede Menge Material in der Schublade hatten, das wir noch nie benutzt oder veröffentlicht hatten. Auch schon vor Borknagar hatten wir ein paar andere Ideen zusammen, die aber nie wirklich zu Borknagar passten, da alles generell viel symphonischer und atmosphärischer war. Trotzdem mussten wir was damit machen. Zwei Jahre lang haben wir dann unterschiedliche Richtungen ausprobiert, bis wir endlich ein Album fertig hatten, das wir dann auch glücklicherweise veröffentlichen konnten. Für mich und Vintersorg ist Cronian eine Art Spielplatz. Wir können dort machen, was wir wollen – ohne Grenzen, ohne Erwartungen und ohne jedes kommerzielle Interesse. Es ist ein ganz anderer Ansatz als Borknagar. Cronian stellt für mich eine Art kalten, digitalen Weg dar, Musik zu machen. Ganz im Gegensatz zu Borknagar, die warm und organisch sind und sich mehr auf die Natur fokussieren. Es sind sozusagen zwei starke Kontrapunkte, fast wie ein Ying und Yang – generell eine sehr befriedigende Situation. Es gibt bestimmt Leute, die sich für Cronian interessieren werden, nur weil Vintersorg und ich dabei sind, aber es ist wirklich ein völlig anderer Ansatz Musik zu machen.

Was sind deine drei persönlichen Lieblingssongs von Borknagar? Welcher Song hat die meiste Bedeutung für dich?
Ein Song, der im Bezug aufs Songwriting immer wichtig für mich war, ist „Universal“ von „The Archaic Course“. Wie schon angesprochen, hat der Song viele Ideen für das neue Album gebracht, die wir weiter ausgearbeitet haben. Ein anderer Song ist „Revolt“ von „Quintessence“. Ein Song, der nicht nur vom textlichen Konzept, sondern auch besonders vom Feeling etwas ganz besonderes ist. Und ein sehr persönlicher Song für mich ist „Gods Of My World“ auf „Empiricism“.

Und auf welches Album bist du am meisten stolz?
Wow, das ist echt hart, wirklich nur ein Album herauszupicken. Jedes Album hat seine Besonderheiten. Du musst jedes Album im Kontext seiner Zeit sehen. 1995 war ich 19 Jahre alt und jetzt bin ich 35. Ich habe Musik immer schon in der Weise gesehen, dass jedes Werk die Zeit reflektiert, in der es gemacht wurde. Also wenn ich mich entscheiden müsste, wäre es wohl „The Archaic Course“. Aber ich liebe Alben wie „Empiricism“ oder „Origin“ auf fast dieselbe Weise.

Welche anderen Musiker magst du sehr gerne und wer hat dich besonders beeinflusst?
Also da gibt es jede Menge Einflüsse, ich höre eine Menge Musik und bin da sehr aufgeschlossen. Ich höre klassische Musik, Jazz und natürlich Metal. Aber ein paar Leute haben mich ganz besonders inspiriert. Das ist zum Beispiel Mille von Kreator. Seine aggressive Einstellung, besonders in den frühen Werken, war einfach besonders. Wenn es um Riffs und Songwriting und das Arrangieren der Musik angeht, ist auch James Hetfield einer, der mich sehr inspiriert hat, auch wenn Metallica bestimmt nicht eine meiner Lieblingsbands sind. Und dann noch Quorthon von Bathory. Wie er das Gefühl von Bergen, Natur und  Landschaft herüberbringt, diese epische Art ist einfach großartig.

www.myspace.com/borknagar