Titelstory: Wall Of Death & Circle Pits
Etwas Braveheart gefällig?
Gehören Circle Pits und die Wall Of Death auf ein Heavy-Metal-Konzert? Mittlerweile ziehen sich die Sonderformen des Moshens quer durch alle Genres. Das WACKEN OPEN AIR hat in diesem Jahr als erstes Veranstaltung ein Verbot ausgesprochen und griff zum Teil mit drakonischen Maßnahmen ein. Für das kommende Jahr steht die Entscheidung erneut zur Diskussion. METAL MIRROR beleuchtet ein seltsames Tanz-Phänomen, das sich vor allem im Metal-Nachwuchs hoher Beliebtheit erfreut. Wir unterhielten uns mit Musikern von HEAVEN SHALL BURN, CALIBAN, SICK OF IT ALL, NEAERA, EQUILIBRIUM sowie Götz vom RockHard-Festival.
Text: Dorian Gorr | Titelfoto: Pixeleye
Es ist ein martialischer, beunruhigender und zugleich irgendwie beeindruckender Anblick: Hunderte Leute teilen sich während eines Intros in zwei große, klar abgetrennte Menschenmengen. Sie posieren, brüllen, zeigen sich gegenseitig den Mittelfinger und hüpfen vor Vorfreude und zum Aufwärmen auf der Stelle. „Go!“, brüllt der Sänger, der auf der Bühne steht, parallel zum einsetzenden Song. Blitzschnell rennen die beiden Menschenmengen aufeinander zu und springen ineinander, während Stakkato-Riffing und Blastbeats erklingen. Ein heilloses Durcheinander entsteht, in dem es nicht mehr möglich ist, den Einzelnen zu erkennen. Die Menschen verschmelzen zu einer einzigen Masse.
Glaubt man den Beteiligten, so erleben die Leute in der Wall Of Death gerade einen ultimativen Adrenalinkick. Sandro Walt ist einer von ihnen. Seit fünf Jahren besucht der 19-Jährige regelmäßig Konzerte von Bands, die gerne Circle Pits und die Wall Of Death in ihr Set mit einbauen. „Es ist einfach geil, dass man mit der ganzen Menge zusammen etwas macht. Ich renne nie zuvorderst an der Spitze mit, aber selbst in der zweiten Reihe erlebe ich dabei totale Adrenalinschübe“, versucht er die Faszination für die Wall Of Death zum Ausdruck zu bringen. Natürlich fliege man dabei auch ab und an auf die Fresse, aber das gehöre eben dazu und sei irgendwie normal, ist der Konstrukteur aus Diepoldsau sich sicher.
Sandros Aussagen stehen stellvertretend für die Einstellung eines großen Teils einer neuen, jungen Metal-Szene, die das Tanzphänomen, das ursprünglich aus der Hardcore-Szene kommt, gänzlich auf Heavy-Metal-Konzerte gebracht hat – egal, was für Musik gerade gespielt wird.
Doch zumindest bei einer Veranstaltung droht den Fans von Circle Pits und der Wall Of Death ein Stimmungsdämpfer: Das Wacken Open Air, Europas größte Heavy-Metal-Veranstaltung, ist auf dem besten Weg, ein dauerhaftes Verbot für die neuerdings beliebten Mosh-Formen einzuführen. 2009 wurden die Bands erstmals angehalten, ihr Publikum nicht zu derartigen Aktionen anzustiften, 2010 wurde dieses Verbot rigoros ausgeweitet, publik gemacht und durchgezogen. Zuwiderhandlungen wurden mit drakonischen Strafen belegt. Job For A Cowboy, einer Band, die für ihre Circle Pits berühmt ist, drehte man spontan den Strom ab. Gerüchte besagen sogar, Sänger Jonny Davy sei direkt nach dem Auftritt von der Polizei abgeführt worden.
„Mir als Unfallchirurgen machen Crowdsurfer, Circle Pits und Wall Of Death sehr viel mehr Sorge als die Schweinegrippe“, hatte der leitende Notarzt Dr. Joachim Marx schon 2009 während der Pressekonferenz verlauten lassen und teilte damit scheinbar die Bedenken der Festival-Veranstalter. „Die Verletzungsgefahr ist uns dabei zu groß. Bei uns gab es das bisher weniger, aber wir haben das von anderen Veranstaltungen mitgekriegt und wollen dem rechtzeitig vorbeugen“, so Wacken-Organisator Thomas Jensen bei der diesjährigen Pressekonferenz auf Nachfrage von METAL MIRROR.
Reaktion auf Love Parade?
Es war dieselbe Pressekonferenz, auf der auch ein Vertreter der WAZ-Mediengruppe die Vermutung aussprach, Caliban hätten gerade wegen des Verbots ihre Fans absichtlich und unterschwellig zu einer Wall Of Death angestachelt. Ein Verdacht, den Andy Dörner, Sänger von Caliban, weit von sich weisen möchte. „Ich war natürlich etwas angepisst, als die Ansage kam, dass wir die Wall Of Death nicht machen dürfen, aber ich habe mich da oben um Kopf und Kragen geredet, den Leuten gesagt, dass es nicht geht. Ich bin sogar einmal eingeschritten und habe ihnen gesagt, sie sollen mit einem Circle Pit aufhören, da wir keinen Ärger wollen.“
Nicht bestreiten lässt sich jedoch, dass die Caliban-Fans gegen diese Maßnahme revoltierten: Statt der sonst üblichen einen Wall Of Death kamen im Laufe des Sets vier Stück zustande – auch ohne Ansage oder Anstachelung seitens der Band.
So sehr sich Andy auch über das Verbot ärgert: Nachvollziehen kann er es dennoch. Die Ursache sieht er jedoch woanders. „Das ist eine klare Reaktion auf das Unglück der Love Parade. Das Wacken ist so medienpräsent, dass die natürlich massiv unter Beobachtung standen. Die hatten Schiss, dass sie die nächsten sind, bei denen ein Unglück geschieht.“
Maik Weichert, Gitarrist bei Heaven Shall Burn, stimmt der Vermutung seines langjährigen Kumpels zu: „Wenn dort was passiert, ist das Wacken am nächsten Tag auf Seite 1 der BILD-Zeitung. Das will natürlich keiner.“
Braveheart und Cheeseballs
Für die passende Mediensensation sorgt natürlich auch der martialische Name, den die Wall Of Death hat. Der macht sich gut in jeder Mainstream-Schlagzeile. Vielleicht ist das auch mit ein Grund, warum die Erfinder der Wall Of Death dieser eigentlich einen ganz anderen Namen gaben. An die besagten Erfinder heranzukommen, ist gar nicht so einfach, denn diese befinden sich im durchgehenden Tourstress. Zum Zeitpunkt des Interviews sind Sick Of It All gerade auf großer Europa-Tour. Hier choreographierte die Band auch einst ihre erste Wall Of Death, die sie jedoch lieber Braveheart nennen.
„Mir ist es wichtig, dass man den Begriff ‚Wall Of Death‘ nicht dafür verwendet, denn keiner will, dass eine ‚Wall Of Death‘ einmal wirkliche Realität wird. Wir haben es immer ‚Braveheart‘ genannt, nach dem gleichnamigen Film, in dem in einer Szene die Schotten und die Engländer aufeinanderprallen“, betont Schlagzeuger Armand Majidi und schwelgt anschließend in Erinnerungen: „Lou, unser Sänger, fing mit ‚Braveheart‘ bei einem Festival in Belgien an. Dort waren auch etliche andere Bands vor Ort, die das anschließend auch machen wollten. Da hatten wir keine Kontrolle mehr drüber. Leider waren einige dieser Bands richtige Cheeseballs, sodass es heute von etlichen Posern verwendet wird.“
Ob Bands wie Caliban und Heaven Shall Burn zu den von Armand zitierten Posern gehören, bleibt zweifelhaft. Unstrittig ist jedoch, dass beide Bands von Sick Of It All zu diesen Aktionen inspiriert wurden, wenn auch zum Teil mit anfänglicher Skepsis. „Sick Of It All waren diesbezüglich schon unsere Inspirationsquelle. Sonst hat das ja keiner gemacht. Mark, unser Gitarrist, fing damit an. Ich weiß noch, dass ich da mit gemischten Gefühlen herangegangen bin. Ich wusste nicht, ob es funktioniert und wollte auch nicht, dass den Leuten etwas passiert. Die Anfänge waren natürlich etwas holprig, weil kaum einer das damals kannte, aber irgendwann wurde das ein richtiger Selbstläufer und gehörte ganz natürlich zu unserem Set“, erinnert sich Caliban-Sänger Andy.
Der Selbstläufer eroberte schließlich etliche Konzerthallen. So sahen sich plötzlich auch die Death-Grinder Neaera mit dem neuen Phänomen konfrontiert. „Ich hatte es das erste Mal auf einem Konzert von Sick Of It All gesehen. Da war ich 14 und die nannten es glaube ich ‚Braveheart‘. Bei einem unserer Konzerte in Berlin haben die Leute das dann plötzlich auch gemacht – ohne eine Ansage von uns. Wir fanden das echt seltsam und waren auch echt kritisch eingestellt, weil wir keinen Bock auf so Kickbox-Action haben“, erinnert sich Gitarrist Tobias Buck. Heute gehöre es jedoch irgendwie dazu.
Sorge um die eigenen Fans
Komplett gewichen ist das ungute Gefühl manch eines Musikers jedoch nicht. Vor allem um die körperliche Unversehrtheit ihrer Fans sorgen sich manche trotz des angeblich atemberaubenden Anblicks von der Bühne. „Die Angst, dass da etwas bei passiert, die ist natürlich immer irgendwie da. Ich versuche darauf zu achten und notfalls abzubrechen, wenn ich das Gefühl habe, dass etwas nicht stimmt“, berichtet Caliban-Sänger Andy, dessen Band jedoch auch die Dramatik und vielleicht die Nutzlosigkeit von Verboten verdeutlicht: Eine Zeit lang hatte die Essener Metalcore-Band versucht, die Wall Of Death ersatzlos aus der Setlist zu streichen – jedoch vergeblich. „Die Leute schrieen nach der Wall Of Death und haben hinterher einfach selbst eine organisiert“, so Andy.
Was nützt also ein Verbot, wenn die Besucher einfach selbst organisieren, wonach sie verlangen? Die Musiker werden in diesem Prozess zu hilflosen Statisten degradiert, die in einen Konflikt geraten: Das Konzert abbrechen führt zu Fanverlust, also macht man gute Miene zum bösen (?) Spiel. Egal welchen Musiker man fragt, sie alle verstehen ihre Ansagen, dass man aufeinander aufpassen soll, als einzig mögliche Präventivmaßnahme, um Verletzungen vorzubeugen.
Glaubt man einem Fan wie Sandro Walt, so funktioniert das Sozialverhalten in einem Circle Pit oder einer Wall Of Death jedoch durchaus. „Man ist schneller wieder auf den Beinen als man hinfällt. Sobald man auf die Schnauze fällt, helfen einem sofort Leute wieder hoch“, versichert der 19-jährige Caliban-Fan. So idealistisch das klingen mag, auch er weiß: „Na klar, da prallen zwei Menschenmassen aufeinander, natürlich gibt es da mal Verletzte bei. Aber jeder der Beteiligten kennt sein Risiko und macht da auf eigene Gefahr mit.“ Und da liegt der Irrglaube.
Natürlich nimmt jeder Fan auf eigenes Risiko an einer Wall Of Death teil, doch einer Großveranstaltung wie dem Wacken Open Air drohen im Falle einer ernsthaften Verletzung kostenintensive Konsequenzen, wie Maik Weichert weiß, der nicht nur Gitarrist bei Heaven Shall Burn ist, sondern derzeit seine Jura-Doktorarbeit schreibt. „Bei einem privaten Veranstaltungsgelände ist es zwar schwer, ein komplettes Veranstaltungsverbot zu erteilen, aber wenn dort wirklich einmal etwas passiert, kann das für die Organisatoren bedeuten, dass sie strengere Auflagen vom Ordnungsamt auferlegt bekommen. Mehr Wellenbrecher, Gummimatten und was man noch alles besorgen kann – da gehen mal eben ein paar hunderttausend Euro für drauf“, weiß Maik.
Verständlich also, dass das Wacken Open Air entsprechende Vorkehrungen trifft. Da man jedoch schauen möchte, wievielen Fans man mit einem Verbot vor den Kopf stoßen wird, stellen die Veranstalter die Entscheidung abermals zur Abstimmung. Doch würde es dabei bleiben? Das Wacken hat viele Standards für Heavy-Metal-Veranstaltungen mitdefiniert, warum also sollte sich nicht auch ein solches Verbot szeneweit manifestieren und auf anderen Festivals Verwendung finden?
Auftritt Götz Kühnemund. Götz ist nicht nur Chefredakteur beim RockHard, sondern auch verantwortlich für das jährlich stattfindende RockHard-Festival im Gelsenkirchener Amphitheater. Ein Festival, das zwar eher traditionelle Heavy-Metal-Fans in den Bann zieht, aber auch schon Bands wie Caliban, Heaven Shall Burn oder Napalm Death im Billing hatte. „Bei uns ist so ein Verbot glaube ich gar kein Thema. Wir haben ein Metal-Publikum, das verhält sich anders als ein Hardcore- oder ein Trend-Publikum“, ist sich Götz sicher. Dass die Wacken-Organisatoren ein solches Verbot umsetzen wollen, kann er nachvollziehen. „Bei uns im Amphitheater können wir eine Aktion von Heaven Shall Burn problemlos handlen. Aber sobald man mehr als 20.000 Leute vor Ort hat, wird so etwas kritisch. Auch wenn man vorsichtig sein muss, die Leute mit zuvielen Reglementierungen nicht wütend zu machen“, so Götz, der auch als Fan eine Abneigung gegen die modernen Tanzformen hat: „Wenn ich sehe, wie ein paar Kinder bei Rock Am Ring einen Circle Pit veranstalten, während Iron Maiden spielen, dann stört mich das. Das ist für mich eine Respektlosigkeit gegenüber der spielenden Band. Die haben noch nie einen Maiden-Song gehört und machen sich mit ihrem bekloppten Verhalten darüber lustig. Unter solchen Leuten fühle ich mich nicht wohl. Damit kann ich mich nicht identifizieren. Und eine Band wie Iron Maiden fühlt sich dabei definitiv auch fremd“, so der Veranstalter.
Auf dem RockHard Festival scheint ein Verbot also keine Rolle zu spielen – allerdings aus anderen Gründen. Interessanter wird es bei einem Festival wie dem With Full Force, das seit etlichen Jahren die Festival-Schnittstelle von Hardcore und Heavy Metal darstellt. Offenbar wissen die Veranstalter jedoch um die Brisanz des Themas. „Wir haben wirklich kein großes Interesse, solche Diskussionen öffentlich zu führen. Bitte um Verständnis“, lautet die lapidare E-Mail-Antwort der Organisatoren auf mehrfache METAL-MIRROR-Anfrage.
Der Trend weitet sich aus
Doch wie Götz mit seiner Anekdote bereits anmerkte, wäre es fatal anzunehmen, dass die Wall Of Death und Circle Pits lediglich ihren Platz auf Metal- und Hardcore-affinen Festivals findet. Längst sind beide Moshformen Trend geworden. Ob bei W.A.S.P. auf dem Wacken Open Air oder Equilibrium auf dem Heidenfest – die Musikrichtung spielt keine Rolle mehr. Als zu den epischen Viking-Metal-Songs Equilibriums erstmals eine Wall Of Death stattfand, war auch René Berthiaume, Gitarrist der Band, überrascht. „Das war schon seltsam, als es das erste Mal passiert ist. Ich kann es auch kaum nachvollziehen. Zumal wir ja teils sehr epische Stücke haben, wo es nicht so passt wie bei Metalcore-Bands. Ich selbst würde so etwas nie machen. Ich schaue mir Konzerte lieber vom Seitenrand mit einem Bier in der Hand an. Aber letztlich ist das auch nur ein weiteres Ventil, das die Leute bei einem Konzert nutzen, um ihre Aggressionen herauszulassen. Solange da nichts ernsthaftes bei passiert, soll mir das recht sein. Man gewöhnt sich dran und dieses Zusammenspiel von Fans und Band kann einem schon einen Adrenalinkick geben.“
Die entscheidende Frage lautet letztlich: Was kann das Wacken Open Air unternehmen? Wird ein Verbot überhaupt eine Wirkung zeigen? Das Caliban-Beispiel zeigt sehr gut, dass der Wille der Fans eine Eigendynamik entwickelt. Ob die Bands es wollen oder nicht: Die Wall Of Death aus dem eigenen Set zu verbannen, ist so gut wie unmöglich. Caliban sind daran gescheitert, als sie das Gefühl hatten, sie würden auf die Wall Of Death reduziert werden. Die nächste Band, die das probieren möchte, sind Heaven Shall Burn, wie Maik zugibt: „Wir überlegen uns gerade neue Sachen. Die Wall Of Death macht ja mittlerweile jede Keller-Pop-Combo.“ Ob es ihnen gelingen wird, steht jedoch auf einem anderen Blatt. Offen ist auch noch, ob auf dem Wacken Open Air 2011 erneut die Wall Of Death und Circle Pits verboten sein werden. Mit in der Diskussion steht bei der aktuellen Abstimmung auch das Crowdsurfen als mögliches Sicherheitsrisiko und Störfaktor für andere Konzertbesucher.
Ginge es nach Armand Majidi sollten die Veranstalter sich jedoch über ganz andere Dinge Sorgen machen: „So ein Verbot wäre für uns und jede andere aggressive Band echt scheiße. Die sollten sich mehr Sorgen um das Gedränge und Geschubse in den überfüllten Bereichen vor der Bühne machen. Dabei sind in der Tat schon Leute gestorben. Die Verletzungen, die in einem Circle Pit oder beim ‚Braveheart‘ entstehen, sind nicht schlimmer als die paar blauen Flecken, die man sich beim Skateboarden oder anderen Sportarten holt“, ist sich der Schlagzeuger von Sick Of It All sicher.
Und etwas körperlicher Schaden ist vielleicht der Preis, den man zahlen muss, um sich wie ein Schotte zu fühlen, der mit der englischen Armee kollidiert. Welcher Soundtrack dabei im Hintergrund läuft, das war auch William Wallace total egal. Warum sollte es da in der Heavy-Metal-Szene anders sein?







