Interview: Götz Kühnemund

Interview mit Götz Kühnemund (RockHard)

RockHard-Chefredakteur und Festival-Organisator GÖTZ KÜHNEMUND im Gespräch mit METAL-MIRROR-Herausgeber Dorian Gorr.

Götz, ich hatte diesmal das Gefühl, dass das Line-Up mehr denn je euren persönlichen Geschmack widerspiegelte. Dass du ein großer The-Devil‘s-Blood-Fan bist, ist kein Geheimnis. Würdest du im Nachhinein behaupten, dass die Band ein würdiger Headliner war? Ich fand ihren Auftritt ja super, aber es lässt sich keinesfalls wegdiskutieren, dass das Amphitheater zunehmend leerer wurde.
Ja, klar. Die haben total polarisiert. Ich hatte nichts anderes erwartet. Da sind bestimmt 2000 Leute gegangen, die den Auftritt scheiße fanden. Aber ich habe noch heute Mails bekommen von Leuten, die mir sagen, dass das der beste Auftritt des Festivals war. Für mich persönlich war es mit Accept der Höhepunkt des Festivals. Aber ich kann verstehen, wenn jemand anderer Meinung ist. The Devil‘s Blood haben übrigens nur den Headliner-Slot bekommen, weil Bloodbath nur 60 Minuten Programm hatten. Finanziell gesehen waren sie der wirkliche Headliner des ersten Abend. Bloodbath haben von sich aus gesagt, dass sie nicht auf Headliner-Position spielen wollen. Außerdem hätte es auf Grund der speziellen Show von The Devil‘s Blood zu logistischen Problemen geführt.

Als wir uns vor einem Jahr über das Festival unterhielten, sagtest du mir, dass du befürchtest, dass die Band vielen Leuten zu krass sein würde, da es sich bei The Devil‘s Blood keinesfalls um Entertainment-Satanisten handelt. Was hat deine Meinung geändert? Existierten diese Befürchtungen dieses Jahr nicht mehr?
Natürlich ist die Einstellung der Band der Grund dafür, dass die Band so sehr polarisiert. Aber ich kenne die Leute dieser Band mittlerweile sehr gut und weiß wie die drauf sind. Das sind intelligente, nette und nachdenkliche Menschen. Ich teile keinesfalls immer deren Meinung, aber das muss ich ja auch nicht. Ich bin ein großer Fan dieser Band, aber deswegen muss ich mich nicht komplett inhaltlich darauf einlassen. Ich habe nichts mit Religion zu tun, in welcher Form auch immer, aber solange mir niemand versucht, seine Meinung aufzuzwingen, toleriere ich ziemlich viel. Und andersrum tolerieren die Bandmitglieder meine Einstellung. Ich denke, dass Toleranz in diesem Falle das wichtigste Schlüsselwort ist. The Devil‘s Blood beurteilen ihre Zuschauer nicht hinsichtlich ihrer Einstellung. Das könnte die Gegenseite auch versuchen. Wir haben durchaus intern diskutiert, ob man die Band holen kann. Da sind natürlich nicht alle einer Meinung, manche haben da auch bei uns Berührungsängste. Aber wir respektieren uns alle gegenseitig und unsere unterschiedlichen Einstellungen. Musikalisch mag eh jeder von uns The Devil‘s Blood. Letztlich bin ich fürs Billing verantwortlich. Natürlich bespreche ich mich mit der Redaktion, aber wenn wir es nicht schaffen, uns zu einigen, fälle ich die Entscheidung. In diesem Fall wollte ich es einfach ausprobieren. Und die Show war klasse, selbst wenn sie nicht jedem gefallen hat. Solche Sachen muss man einfach durchziehen. Wir sind kein kommerzielles Festival, das auf Teufel komm raus Karten verkaufen muss. Dann würden wir ganz andere Bands einladen.

Während des Auftritts von Kreator wurde am rechten Bühnenrand eine junge Frau von mehreren Ärzten behandelt. Ist da etwas ernsteres geschehen?
Nein, die ist zusammengebrochen, aber mittlerweile wieder wohlauf. Bei uns ist in all den acht Jahren nie etwas wirkliches passiert. Das Schlimmste, was in all den Jahren passiert ist, war dass in diesem Jahr ein Typ seine Freundin im Auto erwischt hat, wo sie mit einem anderen Typen vögelte. Da hat er die Scheibe eingeschlagen und dem Typen, der auf seiner Freundin lag, eine geballert. Aber da ist letztlich auch nichts passiert. Da gab es eine blutige Nase, mehr nicht. Im Vergleich zu dem, was bei anderen Festivals passiert, ist das ja kaum erwähnenswert. Dass bei uns nichts passiert, liegt daran, dass die Leute Spaß haben. Die Stimmung wird aggressiv, wenn die Leute bereits von unfreundlichen Securitys begrüßt und wie zweitklassige Menschen behandelt werden. Bei uns umarmen sich Besucher und Security schon am Eingang. Das ist ein freundschaftliches Verhältnis.

Dass eine Woche vor dem Festival Ronnie James Dio verstorben ist, kann man nur als tragischen Zufall bezeichnen. Inwiefern war es eine Herzensangelegenheit für euch, Dio auf dem Festival zu gedenken, ohne aber in eine zu traurige Stimmung zu verfallen?
Das war natürlich eine große Herzensangelegenheit. Der Tod von Dio ist der schlimmste Verlust, den ich mir neben Lemmy vorstellen konnte. Die beiden sind die wichtigsten Personen für den Metal gewesen, und nun ist einer von beiden weg. Ich glaube, dass wir alle das noch gar nicht richtig begriffen haben. Dass der beste Rocksänger aller Zeiten weg ist, das wird erst in den nächsten Jahren langsam zu uns durchdringen – wie bei Johnny Cash oder Elvis Presley. Und es wird auch solche Dimensionen annehmen. Wenn man ihn dazu gekannt hat und wusste, dass er nicht nur ein toller Sänger war, sondern auch eine Person mit viel Charisma, ein herzensguter Mensch, der sehr viel mehr als seine Musik transportierte, dann geht einem das sehr nahe. Mir ist selten etwas so nahe gegangen, wie Dios Tod. Dass Pete Steele tot ist, ist ebenfalls tragisch. Auch Pete war ein netter Kerl, aber der hat sich selbst zugrunde gerichtet. Der hat sich so viel Koks in die Birne geballert, bis er schließlich kollabiert ist. Natürlich ist auch das tragisch, aber dafür ist er letztlich selbst verantwortlich gewesen. Das hat bei Dio eine ganz andere Dimension.

Laut deinem Videoblog gab es viele Vorschläge, wie man Dio auf dem Festival gedenken sollte. Was war der verrückteste?
Der verrückteste Vorschlag war der, dass wir neben der Karaoke-Bühne eine Trauerkapelle hätten errichten sollen, in der man hätte trauern können. Als ich das las, musste ich schon lachen. Das hätte bestimmt ulkig ausgesehen, auf der einen Seite besoffene, schief quietschende Karaoke-Sänger und daneben wird in der Kapelle gekniet. Der Vorschlag war mit Sicherheit gut gemeint, aber natürlich wenig realistisch. Wir haben letztlich eine Schweigeminute für Dio eingelegt. Da waren wir uns vorher unsicher, ob wir das machen können. Aber das war letztlich eine tolle Sache. Die Leute haben begriffen, dass es uns damit ernst ist und alle haben mitgemacht. Das war eine tolle Geste.

Auf dem Festival selbst hast du ehrlicherweise zugegeben, dass es euch nicht gelungen ist, Airbourne als Headliner zu verpflichten. Woran lag das?
Airbourne sind einer aus einer Reihe von Headlinern, die wir haben wollten, bei denen es aber nicht geklappt hat. Im Falle Airbourne lag es daran, dass die Band exklusiv bei Rock am Ring gebucht war und wir die da nicht rausbekommen haben. Weitere Ideen waren Down, die aber zu dem Zeitpunkt nicht in Europa waren und das Einfliegen der gesamten Produktion hätte den finanziellen Rahmen gesprengt.

Besteht denn die Chance, dass Airbourne 2011 kommen?
Die sind natürlich ein Name, der auf unserer Liste steht, aber das ist auch immer ein Glücksspiel. Es gibt so viele Faktoren, die dazwischen funken können. Overkill sollten beispielsweise dieses Jahr zuerst den Headliner am Freitag machen, aber dann hat deren Drummer an dem Wochenende geheiratet. Das sind Dinge, die hat man nicht selbst in der Hand.

Letztlich habt ihr kurzfristig Rage sowie deren Orchester untergebracht und euch damit selbst die wohl größte logistische Herausforderung eurer Geschichte aufgebürdet. Wie stressig war das für euch, insbesondere für die Bühnencrew?
Das war in der Tat sehr schwierig. Das Problem war, dass wir uns da im Vorfeld keine Gedanken drum gemacht haben. Wir hatten Zeitdruck, brauchten dringend einen Headliner, die Sache mit dem Orchester erschien uns ziemlich originell, da es das erst einmal vor einer Ewigkeit im Ruhrpott gegeben hat. Also haben wir das gebucht, ohne im Klaren darüber zu sein, was das logistisch bedeutet. Aber letztlich hat es ja gut geklappt, auch wenn die Umbaupause natürlich sehr viel länger ausfiel.

Euer Zeltplatz war dieses Jahr erneut in Windeseile ausverkauft. Im vergangenen Jahr hast du die Idee angesprochen, die eine eurer Leserinnen hatte: Eine Mitwohnzentrale. Weißt du, ob und wie diese Aktion Anklang gefunden hat?
Das ist auf jeden Fall gelaufen, ich weiß allerdings nicht, in welchem Umfang. So etwas braucht natürlich auch Zeit, aber das wird auf jeden Fall weiterlaufen. Ich finde diese Couchsurfing-Idee ziemlich cool und bin überzeugt davon, dass sich das durchsetzen wird. Ich würde so etwas auch machen, wenn ich keinen Platz zum Pennen vor Ort haben würde. Dadurch lernt man nette Leute kennen und kann für kleines Geld wo wohnen.

Unser Team hat fieberhaft nachgedacht und eine kleine Liste aus fünf Bands zusammengestellt, die wir allesamt mal gerne auf eurem Festival sehen würden. Bitte sag mir doch mal, inwiefern du dir vorstellen könntest, die Bands auf dem Festival zu sehen. Die erste Band ist Dimmu Borgir.
Das ist möglich. Das war schon im Gespräch und könnte durchaus passieren.

W.A.S.P.?
Die waren sogar dieses Jahr im Gespräch. Das ist nur am Geld gescheitert. Da hat ein anderes Festival so viel für ausgegeben, dass die Jungs durchgedreht sind. Blackie hat spontan seine Forderungen verdoppelt, womit die bei uns aus dem Rennen waren.

Die Death-Metal-Fraktion wünscht sich vor allem Morbid Angel. Machbar?
Die waren auch schon im Gespräch, aber wir wollen da warten, bis die neue Platte da ist. Das dauert und dauert irgendwie. Ich weiß gar nicht, warum die sich so verzögert. Aber sobald die Platte draußen ist, werden wir die Band verpflichten.

Twisted Sister?
Die waren ebenfalls schon im Gespräch, befinden sich aber natürlich an der oberen Grenze unseres finanziellen Rahmens. Das würde sehr, sehr teuer werden. Aber ich würde das für die Zukunft nicht kategorisch ausschließen.

Schließlich eine Band, die zwar unmetallisch ist, aber da es meine Lieblingsband ist, muss ich fragen: Lynyrd Skynyrd?
Auch die waren dieses Jahr im Gespräch. (Ich brauche angesichts der Vorstellung 10 Sekunden, um wieder zu mir zu kommen – dg).

Ist das ebenfalls am Geld gescheitert?
Ja, wir haben da alles versucht, aber die Summen, die die fordern, liegen in Iron-Maiden-Dimensionen. Es wäre toll gewesen, weil es eben sehr originell wäre. Da kommt ja kaum ein normaler Veranstalter drauf. Aber leider ist das unbezahlbar. Das ist nicht mal in der Nähe des Limits, das Twisted Sister ankratzen und wo man sich überlegen könnte, dass man sich so etwas zum 10-jährigen Jubiläum gönnt. Lynyrd Skynyrd werden nie möglich sein.

Euer Jubiläum ist in zwei Jahren, doch vorher steht erstmal das neunte Jahr an. Gibt es schon konkrete Planungen?
Das neunte Jahr muss von den Bands noch besser werden als dieses Jahr. Das wird machbar sein. Wir hatten dieses Jahr viel Pech. Wir verhandeln bereits mit Bands und haben schon Triptykon (die neue Band von Tom G. Warrior – dg) bestätigt. Ich hoffe außerdem nach wie vor auf King Diamond. Der hat ja eine offene Einladung und darf theoretisch kommen, sobald er kann. Allerdings sieht das aufgrund seiner Rückenprobleme immer schlechter aus, obwohl er gerne würde. Ich gebe die Hoffnung nicht auf.