Live: RockHard Festival 2010 (Titelstory)

RockHard Festival 2010

In der Ruhrpott-Metal-Szene ist das Pfingstwochenende stets ein fest geblockter Termin. Pfingsten ist ROCKHARD FESTIVAL – und das seit acht Jahren. Die diesjährige Veranstaltung konnte zwar nicht unbedingt so zugkräftige Headliner präsentieren, wie in manch einem Vorjahr, die Besucher hielten dem Festival dennoch die Treue – unabhängig von den Bands. Der Beweis: Zum zweiten Mal konnten die Veranstalter verkünden, dass das Festival mit 7500 Besuchern vollkommen ausverkauft war.
Team METAL MIRROR war natürlich vor Ort und hat es sich auf den Stufen des Amphitheaters gemütlich gemacht, sich von der Sonne rösten lassen und jeden einzelnen Auftritt angeschaut. Wie sich welche Bands geschlagen hat, was gespielt wurde und was RockHard-Chef Götz Kühnemund zu sagen hat, erfahrt ihr auf den folgenden Seiten.

Tag 1, Freitag, 21. Mai

Mit dem Kracher „Satan’s Boundaries Unchained“ haben sich die Bergisch-Gladbacher Black-Thrasher KETZER geradewegs den Opening-Slot beim Rock Hard gekrallt – und das mit Recht! Ketzer legen los wie die Feuerwehr und reißen mit Krachern wie „My Triumph“ und „The Fire To Conquer The World“ das Amphitheater ab. Spielfreude pur und ein starker Sound gleich zum Festivalauftakt lassen hier kaum einen kalt und so avancieren Ketzer für viele schon jetzt zum Freitags-Highlight!

NECROS CHRISTOS haben nach dem Auftakt trotz nicht ganz unähnlichem Zielpublikum schwere Karten, um für ähnlich euphorische Reaktionen zu sorgen. Und die Band macht sich trotz weitgehend überzeugender Musik selbst das Leben schwer. Wie angewurzelt verharren die Berliner auf ihren Positionen und bearbeiten oft in Slow-Motion ihre Instrumente. Einziger Hingucker sind die Outfits, die sich zwischen okkult und christlichem Gewand einpendeln. Der rohe, leicht schwarze Death Metal mag zwar musikalisch in manchen Momenten seinen Charme haben, kombiniert mit der Trägheit der Musiker und der knallenden Sonne ist das hier jedoch nur kurzfristig wirklich unterhaltsam.

Ganz ähnlich ergeht es den schwedischen Düster-Metallern KATATONIA. Diese betreten die sonnige Bühne und versuchen trotz der Hitze und Helligkeit, eine düstere Atmosphäre zu erschaffen. Dies gelingt der Band aber nur ansatzweise, denn es kommt eher ein Anflug von Langeweile auf, die dadurch entsteht, dass auch Lord Seth und Co wie angewurzelt auf der Bühne stehen. Dem Auftritt fehlt die charismatische Ausstrahlung, die man auf den Alben der Truppe finden kann. Ein wenig mehr Mut zur Dramatik hätte Katatonia gut getan.

„Noch ein Bier!“ Wer diese schwedische Metal-Band schon einmal live erlebt hat, weiß welche Band dies als Running-Gag nutzt: SABATON geben bei jedem Auftritt alles was die Energiereserven hergeben. Songs wie „Panzer Battalion“ und „Primo Victoria“ haben mittlerweile nicht nur Kultstatus erlangt, sondern verwandeln das Amphitheater in einen Hexenkessel. Mit großer Sympathie, sichtlichem Spaß und groovigen Songs locken sie immer mehr Metalheads vor die Bühne und überzeugen auf ganzer Linie. Dass ein paar Songs des neuen Albums gespielt werden, das noch nicht veröffentlicht ist, ist vielleicht keine glückliche Wahl, mindert die Stimmung aber so gut wie gar nicht.

Das Death-Metal-Highlight des Wochenendes steht an: BLOODBATH geben dem RockHard-Publikum die seltene Ehre, ihres brachial-wuchtigen Groove-Buffets. Das Nebenprojekt um Mikael Akerfeldt und andere Katatonianer steht oft unter dem Ruf, ein eher unernster Versuch zu sein, sich im todesmetallischen Bereiche „auch mal auszutoben“. Nichtsdestotrotz ist aus diesem musikalischen Workout mittlerweile ein sattes und fettes Death-Metal-Monster geworden. Auch an diesem Tag zieht es viele jovial-jauchzende Metalmasochisten in die nachmittägliche Sonne ins Amphitheater, um dem Schauspiel zu frönen. Bloodbath erfreuen die erwartungsvolle Menge auch durchweg mit Klassikern. Unter anderem stehen „Ways To The Grave“, „Soul Evisceration”,  „Breeding Death”, „Unblessing The Purity”, „Cancer Of The Soul“ oder „Blood Vortex“ auf dem Programm. Den lang ersehnten Höhepunkt schafft schließlich Bloodbaths Hit „Eaten“ – da steht kein Fan mehr ruhig. Ein gelassener Akerfeldt hat sichtlich Spaß und feiert eine kleine Death-Metal-Party bei gutem Sound und bestem Wetter.

Kurz bevor sich THE DEVIL‘S BLOOD als Open-Air-Headliner beweisen wollen, ist es eine Minute lang still. Sechzig Sekunden emotionale Stille, um Ronnie James Dio zu gedenken. Dann ist es vorbei mit der Ruhe. Auch Dio hätte gewollt, dass es mit der Musik weitergeht. Und was The Devil‘s Blood für ein okkultes Riff-Spektakel veranstalten, lässt sich kaum in Worte fassen. Mit Blut überschüttet, in rotes Licht getaucht und von drei Background-Sängerinnen unterstützt, entführen die Niederländer in fremde Sphären. Sängerin Farida erklingt wie eine Sirene und durchstößt mit ihrer markanten Stimme die Wand aus Psychedelic-Riffs. Ansagen gibt es keine. Interaktion mit dem Publikum ebenfalls nicht. Doch wer braucht schon solchen Schnickschnack angesichts hypnotisierender Songs, wie „The Heaven‘s Cry Out“ oder ‚I‘ll Be Your Ghost“, bei denen sich die drei Gitarristen in einen Solorausch spielen. Bei „The Heaven‘s Cry Out“ wird im Mittelteil gar ein zehnminütiges Solo eingebunden, während dem Farida wie aus Stein gemeißelt regungslos und mit verschlossenen Augen den Kopf gen Himmel richtet.  Manch ein Kritiker mag das als übertriebene Theatralik abtun, bei der Band kommt es aber zweifellos überaus authentisch herüber. Allerdings tritt ein, was bereits im Vorfeld zu befürchten war: Die Niederländer polarisieren. Während sich einige hingebungsvoll zu den Klängen der Band winden, lässt sich nicht wegdiskutieren, dass die Publikumsdichte stetig abnimmt. Gegen Ende wirkt das Amphitheater in manchen Bereichen wie leergespielt. Vor der Bühne tummeln sich jedoch noch etliche Besucher, die nach dem abschließenden „Christ Or Cocaine“ mehr fordern und elektrisiert und wie gebannt zur Bühne starren. Ein faszinierender Auftritt, gar keine Frage.

Tag 2, Samstag, 22. Mai

Der Morgen danach beginnt mit einer netten Brise Power Metal, die einem angenehm ins Gesicht weht: ORDEN OGAN stehen bereit. Hier stehen schnelle Riffs und cleaner Gesang im Vordergrund und schnell haben die Jungs auch den letzten misstrauischen Metaller von ihrem Können überzeugt. Auf Dauer sind manche Songs vielleicht etwas monoton, aber das ist einzige kleine Manko. Ihre Opener-Pflicht erfüllt die Band jedoch mühelos.

EVILE schließen daran an und präsentieren sich sichtbar erholt vom Todesfall ihres Bassisten Mike Alexander. Routiniert werden die zünftigen Riffs ins Amphitheater gefetzt. Hierbei beweisen die jungen Briten, dass sie keinen 08/15-Thrash-Metal spielen und überzeugen vor allem durch viel Groove in ihren Songs. Ebenso überzeugend zeigt sich Fronter Matt Drake, der mit seiner bösen Stimme dem ganzen Auftritt die letzte Würze verleiht. Schnell zeigt sich, dass kein Nackem diesem Mix widerstehen kann. Auch wenn der Auftritt am Ende recht einseitig wird, ist die Stimmung weitgehend super.

BULLDOZER live kann man trotz der Reunion immer noch als Rarität bezeichnen, umso verwunderlicher, dass die Italiener Gas geben und das Amphitheater ordentlich aufheizen. Zwar ist das dämliche Podest von AC Wild eher albern als evil, dennoch wissen Bulldozer mit einem gut gemischten Programm durchweg zu überzeugen, auch wenn Stageacting und Ansagen noch ausbaubar sind.

Ausbaubar ist der Gig von ARTILLERY dafür allerdings kaum. Die dänischen Thrash-Urgesteine geben ordentlich Gas und wissen mit jede Menge Spielfreude und viele Klassikern im Gepäck sofort zu gefallen. Das Publikum bildet den ersten Pit und grölt viele der altbekannten Songs mit. Zwar sind auch Artillery weiterhin keineswegs das Highlight des RockHard-Festivals 2010, dennoch weiß die Show den anwesenden Thrash-Fans zu gefallen

Das frühe Highlight des zweiten Tages steht an: RAVEN beweisen mit ihrem NWOBHM, dass das Trio noch lange nicht zum alten Eisen gehört, sondern allen jungen Bands noch dumm aus der Wäsche gucken lassen kann. Rock‘n‘Roll hält jung: Die beiden Gallagher-Brüder rennen wie von der Tarantel gestochen über die Bühne, bangen und posieren in bester Rockstar-Manier – dem Headset-Mikrofon sei Dank. Musikalisch gibt es eine Fülle erstklassiger Soli, grandiose Vocals und zum Abschluss sogar einen Powerslide über die ganze Bühne. Mehr Rock‘n‘Roll geht kaum!

EXHORDER füllen dann das Amphitheater weiterhin. Mit den beiden Kultscheiben „Slaughter Of The Vatican“ und „Law“ im Nacken, grooven die Amis durch ihr Set als wären sie nie weg gewesen. Na gut, aussehen tun die Herren natürlich nicht mehr wie vor 18 Jahren, dennoch hängen sich Exhorder von der ersten Sekunde an rein und werden dafür auch gebührend abgefeiert, ehe sich Accept startklar machen.

Bewährungsprobe: ACCEPT ohne Udo Dirkschneider? Das konnten und wollten sich viele Metal-Fans nicht vorstellen. Zu unantastbar galt die Institution, die den deutschen Heavy Metal einst mehr als die meisten anderen Bands prägte. Entsprechend groß waren auch die Zweifel, als die Veranstalter die Band mit ihrem neuen Sänger als Co-Headliner für den Samstag ankündigte. Die kritischen Stimmen verstummen jedoch schon während der ersten Takte des Openers „Metalheart“. Mark Tornillo hat genau das richtige Profil, um die Fußstapfen von Udo Dirkschneider nicht unbedingt auszufüllen, sondern einfach neue Fußabdrücke im Sound der Metal-Recken zu hinterlassen. Die Stimme des in eine Lederweste gehüllten Sängers, hat durchaus Reibeisen-Format, erinnert an Udo Dirkschneider, wirkt aber nicht so, als würde der US-Amerikaner bewusst versuchen, den German Tank zu imitieren. Die positive Überraschung trifft das randvolle Amphitheater wie ein Schlag. Die Hits, die Accept selbstredend im Gepäck haben, sorgen für den Rest. Ob „Living For Tonight“, „Breaker“ oder auch „Son Of A Bitch“ – die Songs, die Accept auspacken sind Heavy-Metal-Kulturgut im Reinformat. Jeder Anwesende kennt die Nummern, singt frenetisch mit. Die Gitarrenfraktion feiert sich selbst ab. Wolf Hoffmann strahlt während seiner Posen bis über beide Ohren und feuert Solos und Weltriffs aus dem Handgelenk, die einem in lauten, druckvollen Sound entgegenschallen. Für den Abschluss des Sets greift die Band noch einmal ganz tief in die Trickkiste. Nach dem sensationellen „Balls To The Wall“ gibt es noch „Princess Of The Dawn“ und schließlich „Fast As A Shark“, das mit seinem Kult-Intro und dem Double-Bass-Teppich endgültig den Sack zumacht. Heilige Scheiße, Accept sind zurück!

Im Vergleich zu dem erfrischenden Tornado aus Metal-Klassikern wirkt das Set der anschließenden KREATOR zwar durchweg überzeugend und auch energiegeladen, allerdings präsentiert sich Front-Thrash-Rebell Mille Petrozza abermals als enorm routinierter Entertainer, der die gleichen Ansagen wie immer, mit denen er schon seit Jahren die jeweiligen Songs ankündigt, runterbrettert. Zeitweise sind selbige in der Tat kultig, vor allem, da mittlerweile alle Fans diese mitsprechen können. Dennoch hinterlässt das auf Dauer einen leicht bitteren Nachgeschmack, der eigentlich überflüssig ist, da die Band musikalisch motiviert zu Werke schreitet und jede Menge Hits im Gepäck hat. Ob „Pleasure To Kill“, „Extreme Aggression“, „Violent Revolution“ oder „Impossible Brutality“ – Kreator holen einen Riffhammer nach dem nächsten raus, sorgen für wilde Moshpits, fliegende Haare und Hochbetrieb im Fotograben, in dem eine Horde Securitys die Crowdsurfer rausfischen. Währenddessen machen die Kreators den typischen Katzenbuckel und präsentieren lässigen Thrash Metal, der im Mittelteil nur einige frühe Songs vermissen lässt. Den Abschluss bildet schließlich – wie schon so oft – das Doppelpack in Form von „Flag Of Hate“” und dem anschließenden Kult-Klassiker „Tormentor“. Ein guter Gig? Durchaus. Überraschende Momente? Nicht vorhanden. Den Besuchern scheint es aber gereicht zu haben. Nachdem die Lichter angehen, verdrücken sich die Besucher sichtlich zufrieden.

Tag 3, Sonntag, 23. Mai

Kein Zweifel, SACRED STEEL sind eine hervorragende Wahl, um in einen letzten Festivaltag zu starten. Nicht unbedingt, weil die Musik der Teutonen-Metaller durchweg solide bis gut ist und die Truppe manch einen Hit in petto hat, sondern in erster Linie, weil man sich eigentlich keine sympathischere Truppe vorstellen kann. Fronter Gerrit P. Mutz strahlt über beide Ohren, bekundet durchweg, dass er die Publikumsreaktionen am frühen Morgen „ganz lieb“ findet und hofft, dass er den Gig körperlich übersteht, da er sich ja selbst eher als Fan versteht und die vergangenen zwei Festivaltage durchgefeiert hat. In der Tat fällt manch eine Passage des Auftritts enorm holprig aus. Zwischenzeitlich wird sogar ein Song komplett abgebrochen und neugestartet, da Gerrit seinen Einsatz verpatzt. Doch das macht nichts. Ganz im Gegenteil: Für die entwaffnende Ehrlichkeit („Oh, das war meine Schuld.“) wird der Sympathikus sogar noch beklatscht und bejubelt. Als er sich schließlich für einen ganzen Song lang zwischen die Fans gesellt und von den Stufen des Amphitheaters aus singt, während er mit Fans für deren Fotos posiert, frisst der Truppe endgültig jeder Anwesende aus der Hand. Ach, und die Musik ist übrigens auch echt lässig.

Technisch versierter Black Metal trifft Mittagshitze: KEEP OF KALESSIN versprühen mit ihren kalten Riffs ein wenig norwegische Kälte. Sänger Thebon tobt wie ein Wirbelsturm über die Bühne und schreit sich die Lungenflügel wund, während Drummer Vyl für staunende Gesichter sorgt. Keine Frage, diese Band ist hervorragend aufeinander eingespielt. Zwar ist der Sound zu Beginn des Sets etwas bröckelig und am Ende vielleicht ein bisschen zu laut, doch die Hitdichte macht das wieder wett. Vor allem die Songs vom brandneuen „Reptilian“, die sich wie zuletzt zwischen Epik und extremer Hochgeschwindigkeit einpendeln, reißen mit. Hinzu kommt das Charisma von Bandchef und Gitarrist Obsidian, der stolz und völlig zurecht ihren Eurovision-Song-Contest-Beitrag „The Dragon Tower“ verteidigt. In seiner Ansage verkündet er, dass sich die Band nicht einmal der von der Metal-Szene gemachten Regeln beugen würde. Dass die Nummer es in sich hat, stellen Keep Of Kalessin ebenfalls eindrucksvoll unter Beweis.

Anschließend bittet Götz Kühnemund zur Programm-Mitgestaltung und evaluiert einmal, inwiefern die Leute Bock auf „Poser-Rock“ haben. Und sie haben Bock, das machen alleine die Outfits klar, die sich plötzlich vor der Bühne tummeln. Von Spandexhose, Kajal, Haarspray bis zu High Heels ist alles vertreten. Passend dazu kommen CRASHDIET auf die Bühne – ebenfalls eingehüllt in ein schillerndes Glam-Outfit. Die Haare sind toupiert, die Hosen zerrissen, der Bassist trägt einen Mini-Lederrock und Schminke ist ebenfalls vorhanden. Tokio Hotel wären neidisch auf diese Outfits. Der Look mag übertrieben sein, Fronter Simon Cruz sprüht allerdings weitgehend vor Spielfreude und nutzt die ganze Bühne aus. Leider wirft der über weite Teile katastrophale Sound einen Schatten über den gesamten Auftritt. Versöhnlich stimmt einen nur der Abschlusstrack „Generation Wild“.

Zugegeben, die Ankündigung der Israelis ORPHANED LAND ist alles andere als gelungen. Als die Mannen um Kobi Farhi allerdings loslegen, nachdem dieser klarstellte, dass er nicht Jesus ist, wird hier eine Show abgerissen, die ihresgleichen sucht. Der abgefahren individuelle Sound von Orphaned Land weiß sofort zu begeistern. Songs wie „Sapari“, „Birth Of Three“ oder „Norra El Norra“ machen Stimmung ohne Ende und werden – soweit es machbar ist – mitgesungen. Dazu wird gebangt, gehüpft und gejubelt, sodass der Orphaned-Land-Gig wohl nicht für wenige die Überraschung 2010 gewesen sein dürfte.

Ein schlaksiger, schwarzhaariger, in dicke Lederkluft gehüllter und leicht in die Jahre gekommener Sänger betritt anschließend die Festivalbühne und schmettert einen Power-Metal-Song nach dem anderen: VIRGIN STEELE sorgen für gute Stimmung beim Publikum, auch wenn Herr Defeis teilweise zu viel herumquietscht. Der Stimmung tut es zumindest keinen Abbruch, die Mähnen werden zu den eingängigen Songs geschüttelt. Die Band hingegen könnte noch für ein wenig mehr Action auf der Bühne sorgen.

Die Ami-Band NEVERMORE präsentiert sich anschließend in guter Verfassung und mit ihrem gewohnt einzigartigen Gesang sowie abwechslungsreichen Riffs. Instrumental überzeugen sie das Publikum schnell durch ihr peitschendes Riffing und die hämmernden Beats, egal ob alte oder neue Tracks. Damit bringen sie nicht nur eingefleischte Fans zum Springen und Bangen. Die große Anhängerschaft der Band zeigt sich hierbei von der besten Seite und füllt das Theater nahezu komplett. Lediglich Warrel Danes Gesang, der wie üblich extravagant und opernähnlich  erklingt, kann auf Dauer ziemlich lästig werden. Fehlende Stimmung kann man dem Auftritt aber nicht unterstellen.

Dann wird es abgedreht. SONATA ARCTICA sind an der Reihe und Sänger Tony Kakko sorgt für Fremdschämen Deluxe, denn sein Verhalten ist das ein oder andere Mal zu viel des Guten. Die Ansagen des freakigen Finnen nimmt man nur als einen großen Genuschel-Brei wahr, die vollkommen durchgedrehte Gestik und Mimik ist jedoch übertrieben. Man merkt Tony und Konsorten die Spielfreude zwar an, aber das unruhige Hin-und-Her-Laufen und die merkwürdigen Grimassen hinterlassen leider einen faden Nachgeschmack. Das Resultat: Die Meute vor der Bühne schwindet. Da helfen auch keine Knüller der Marke „Full Moon“ und „Don‘t Say A Word“. Als Tony sich zum Abschied noch selbst umarmt, wird es Zeit, dass der Headliner endlich das Ruder übernimmt.

Doch vorher geht eine Rock-Hard-Festival-Tradition in die nächste Runde. Beim Karaoke-Jam zeigt die Band ROKKEN abermals, wie man Metal-Klassiker zu interpretieren hat. Deren Sängerin hat zwar bei ihrer Airbourne-Version absolut keine Stimme mehr und krächzt sich einen ab, doch der anschließende Karaoke-Gewinner, der in den vergangenen Tagen ermittelt wurde, gleicht das mit Mühe wieder aus. Mit Iron Maidens „Aces High“ hat sich der Herr einen ganz schönen Brocken aufgehalst, den er aber bis auf einige wenige schwächelnde Passagen mühelos meistert. Im Anschluss darf die Vorjahres-Siegerin auf die Bühne, um abermals (sprich: wie schon im vergangenen Jahr) Dio Tribut zu zollen. Ihre Version von „Holy Diver“ kann sich auch nach einem Jahr immer noch sehen lassen. Respekt!

Die weitere Umbaupause, die sich diesmal sehr viel länger hinzieht, da Rage ein gesamtes Orchester aufbauen müssen, begleitet Festivalchaot MAMBO KURT mit seiner dudelnden Heimorgel. Zugegeben: Der glatzköpfige Schwiegermutterliebling im irren Anzug hat ein gewisses Entertainerpotenzial. Der Mann hat Humor, er ist wortgewandt und sorgt dank Fannähe und ulkiger Aktionen die Massen zu begeistern – warum die dudelig verwursteten Klassiker, die von Europe über Slayer bis hin zu Rage Against The Machine reichen, mehr Applaus ernten als ein vollkommen authentisches Maiden-Cover, bleibt dennoch ein Rätsel. Dass die Polonaise tanzende Menge sich zum Ende hin für Vanilla Ices „Ice Ice Baby“ und damit gegen AC/DCs „Highway To Hell“ entscheidet, gleicht außerdem einem tragischen Unfall. Wo ist bitte der Show-Part geblieben, bei dem Mambo Kurt sein Instrument zu Kleinholz verarbeitet? Der hätte nach einer halben Stunde für einen befriedigenden Ausgleich gesorgt.

Nach einer einstündigen Umbaupause wird den Zuschauern schnell klar, dass etwas Besonderes auf sie wartet. Auf der Bühne des Amphitheaters macht sich ein komplettes Orchester breit, das den Songs eine besondere Stimmung verleihen soll. RAGE bieten nicht nur was für Ohren, sondern auch für die Augen. Peavy und seine Mannen betreten gut gelaunt die Bühne und der aufmerksame Zuschauer merkt, dass die Musiker mit Stolz in der Brust ihr Lingua-Mortis-Orchester vorstellen, um dann zusammen abrocken zu können. Die positive Stimmung überträgt sich auch auf Publikum, auch wenn es etwas komisch ist, dass vor der Bühne der Pogo tobt. Ein wenig komisch ist es auch, dass bereits nach dem ersten Song ellenlange Ansagen folgen. Dadurch wird dem Auftritt ein wenig früh der Wind aus den Segeln genommen. Doch Rage bekommen schnell wieder die Kurve und spielen ein fantastisches „Lingua-Mortis-Medley“. Schade ist nur, dass dank des Orchesters einige Songs der Marke „Straight To Hell“ oder „Down“ auf der Strecke bleiben. Immerhin gibt es das obligatorische „Higher Than The Sky“.

Und während die letzten Klänge ertönen, ist es auch schon wieder vorbei. Was bleibt, ist ein durchweg positiver Gesamteindruck, nicht zuletzt wegen des brutal guten Wetters. Atmosphäre und Stimmung hängen auch im achten Jahr die Messlatte für die weitere Festivalsaison sehr hoch, auch wenn das Festival eines der schwächsten Line-Ups der eigenen Geschichte vorzuweisen hatte. Vor Ort feierten, sangen, tranken und jubelten:

Dorian Gorr, Jenny Bombeck, Benjamin Gorr,
David Dankert, Elvis Dolff und Bastian Gorr