Interview: Sigh

Japanische Pioniere

Reinen Black Metal spielen SIGH schon lange nicht mehr, doch das japanische Urgestein war die erste Band, die in die westliche Kultur der extremen Klänge eindrang und sich einen Namen erspielte. Wenig verwunderlich, dass Bandchef Mirai einige Anekdoten auf Lager hat.

Interview: Dorian Gorr | Foto: Sigh

Mirai euer neues Album „Scenes Of Hell“ ist faszinierend und musikalisch verstörend zugleich. Worin begründet sich eure Motivation, euch mehr und mehr von einem reinen Black-Metal-Sound zu distanzieren?
Das hat mit meinem musikalischen Hintergrund zu tun. Ich habe über zwanzig Jahre lang klassisches Piano gelernt, dementsprechend ist die Klassik ein bedeutender Einfluss neben all dem Thrash-Zeug, das ich hörte, als ich ein Teenager war. Ich habe eine Weile Musik für TV-Shows komponiert, ich kenne also viele Stile von Jazz bis Techno. Ich wähle immer den Stil aus, der sich am besten eignet, um die Vision musikalisch zu vertonen. Eine Vielfalt zu haben ist nur ein Ergebnis, die Welt von „Scenes Of Hell“ verlangte diesen Stil.

Viele norwegische Bands sind bekannt dafür, ihre volkstümlichen Klänge oder folkloristische Instrumente mit Black Metal zu kombinieren. Inwiefern siehst du die Chance für Sigh, ihre kulturellen Wurzeln zu integrieren?
Japanische Instrumente einzubinden ist nicht einfach, weil die japanische Musik einem anderen System folgt. Ich habe darüber schon oft nachgedacht, sie einzubinden, aber bisher kam da nichts anständiges bei heraus.

Ihr standet in der Vergangenheit bei etlichen Labels unter Vertrag. Wie stabil ist die Zusammenarbeit mit eurem aktuellen Partner, The End Records?
Zuerst waren wir bei Deathlike Silence Productions, aber bevor unser Album erscheinen konnte, wurde Euronymous ermordet. Dann waren wir bei Cacophonous unter Vertrag, der größte Fehler unserer Karriere. Niemand kann etwas positives über dieses Label erzählen. Sie hatten Dimmu Borgir, Cradle Of Filth, Bal-Sagoth, Primordial und viele andere. Und alle haben das Label verlassen. Wenn sie ihre Sache richtig gemacht hätten, könnten sie heute eines der größten Metal-Labels sein. Wir sind jedenfalls eine Weile bei Century Media untergekommen, die sich auch gut um uns kümmerten, aber unsere Musik war nicht kommerziell genug für sie. Ich bin mit The End Records sehr zufrieden, sie verstehen uns und unsere Musik.

Du scheinst eine offensichtliche Faszination für Filmmusik zu haben. Wer sind deine Lieblingskomponisten?
Ich liebe die Musik von Horror-Filmen. Meine Lieblingskomponisten sind Fabio Frizzi, John Carpenter und Jerry Goldsmith. Vor allem die italienischen Zombie-Streifen haben es mir angetan und Fabio Frizzi ist ein bedeutender Komponist für diese Filme. John Carpenter ist hingegen nicht nur ein toller Regisseur, sondern auch ein super Komponist. Die Musik von „The Fog“ gehört zu den wohl gruseligsten aller Zeiten. Und naja, Jerry Goldsmith werde ich hier wohl nicht vorstellen müssen, den kennt jeder.

Hast du je selbst daran gedacht, Musik für einen Film zu komponieren?
Ich habe ja bereits Musik für Videospiele und TV-Shows komponiert, aber leider noch nie für einen Film. Das werde ich aber mit Sicherheit irgendwann nachholen.

Glaubt man eurer Biographie, dann habt ihr Tür und Tor für andere japanische Metal-Bands geöffnet. Wie ist die Situation heute? Gibt es noch immer viele Nachfolger, die eurem Beispiel folgen wollen?
Die japanische Szene wird besser und besser. In den Neunzigern gab es überhaupt keine Szene oder Bands, die wirkliche internationale Deals hatten. Heute, so hoffe ich, können die Leute immerhin ein paar japanische Bands beim Namen nennen. Dennoch muss ich sagen, dass neunzig Prozent der Bands unoriginelle Scheiße sind. Aber das wird überall der Fall sein.

In den Neunzigern hattest du engen Kontakt mit den Protagonisten der norwegischen Szene, insbesondere mit Euronymous. Heute ist diese Szene Bestandteil von Filmen, Dokumentationen, Mythen und Büchern. Wie hast du diese Zeit selbst erlebt?
Das war definitiv eine großartige Erfahrung. Damals gab es noch kein Internet, also besprachen Euronymous und ich alles per Telefon. Einmal sagte er mir, dass ich am Telefon nicht die Kirchenbrandstiftung erwähnen sollte, da unser Gespräch vermutlich von Interpol abgehört werden würde. Ehrlich gesagt, ich habe es damals schon bezweifelt. Ich erinnere mich auch daran, einen Brief von Varg bekommen zu haben, in dem er schrieb, dass wir auch in Japan alle Kirchen niederbrennen sollten. Er hatte ein Foto einer niedergebrannten Kirche in Norwegen beigelegt. Einmal sagte mir Euronymous, dass es Burzum auf das Cover des Kerrang!-Magazins geschafft hätten. Das war damals eine unglaubliche Sache, denn vorher wurden solche Bands nicht einmal mit kleinen Artikeln bedacht. Heute kann man sich das kaum vorstellen, aber Black Metal war damals noch wirkliche Musik für den Underground. Die meisten Menschen hatten keine Ahnung, was sich hinter diesem Namen verbarg. Was für eine tolle Zeit.

Musikalisch hast du den Black Metal lange hinter dir gelassen, aber inwieweit fühlst du dich dieser Musik noch verbunden?
Ich denke, dass das eine Frage der Definition ist. Wenn Black-Metal-Bands über Satan singen müssen, dann waren wir nie eine Black-Metal-Band. Ich persönlich bin aber der Meinung, dass der Black Metal der Neunziger eine Wiedergeburt des Thrash Metals der Achtziger war. Eine Rebellion gegen den Death Metal und Grindcore, die damals enorm trendy waren. Der Heavy und Thrash Metal der Achtziger ist noch heute ein wichtiger Part unserer Musik. Demnach sind wir noch immer mit Black Metal verbunden und allgemein finde ich, wenn man unserer Musik schon irgendeiner Schublade zuordnen muss, dann bitte Black Metal.

www.sighjapan.com

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