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SPV

Pleiten, Pech und Power Metal

Der Wandel der Musikindustrie ist in aller Munde. Die dunklen Wolken scheinen sich zunehmend über dieser Branche zusammenzuziehen, doch Lösungsvorschläge, die wirklich etwas taugen würden, gibt es nur wenige. Allzu einseitig scheint es zu sein, das Internet für alles verantwortlich zu machen. Neue Geschäftsmodelle müssen her, doch alle bisher beschrittenen Pfade führten ins Nichts. Dass auch die Heavy-Metal-Industrie diesen Wandel spürt, obwohl sie sich nach wie vor auf eine loyale Käuferschaft verlassen kann, dafür ist die Firma SPV ein Musterbeispiel. Die Plattenfirma mit Sitz in Hannover meldete im vergangenen Jahr Insolvenz an. Seit Januar stehen wieder neue Veröffentlichungen an. METAL MIRROR hat der Firma und ihrem neuen Chef Frank Uhle einen Besuch abgestattet.

Text & Fotos: Dorian Gorr

(Hinweis: Dieser Artikel wurde ursprünglich für das IJK-Musikmagazin „Saitensprung“ geschrieben)

Es ist ein beinahe schon trostloses Bild: Ein weißer Banner flackert leicht im kühlen Morgenwind. „Zu vermieten / verkaufen“ steht dort in schwarzen Lettern. Der Banner hängt an der aus hellen Backsteinen erbauten Hauswand, dicht unter einem der vielen grünen Fensterrahmen des flachen Gebäudes. An das Geländer der Treppe, die am Ende der mit Schnee bedeckten Einfahrt in das Gebäude hineinführt, steht eine Schneeschaufel, die offensichtlich schon eine Weile nicht mehr zum Einsatz gekommen ist. Man mag es kaum glauben, doch in diesen Mauern wurde Musikgeschichte geschrieben. Vor der Einfahrt prangt in großen, roten Buchstaben der Name der Firma: SPV. Neben der Klingel starrt einen verheißungsvoll ein silberner Monsterkopf mit gigantischen Stoßzähnen, Nasenpiercing und Stachelhaube von einem Aufkleber an. Der Kopf ist das Markenzeichen der Heavy-Metal-Band Motörhead, eine von vielen Bands, die bei SPV unter Vertrag steht.
Im Vorzimmer des Gebäudes erhält man schon eher den Eindruck, dass man sich hier im Inneren eines zentralen Organs der unabhängigen Musikindustrie befindet. Die Wände schillern und glänzen. Gold- und Platinauszeichnungen begrüßen Besucher der Firma SPV. Dieter Nuhr lächelt von einem eingerahmten DVD-Cover hinab, Helloween, die Power-Metal-Legende aus Hamburg, vereint gleich drei glänzende Scheiben in einem Bilderrahmen und die Ruhrpott-Metal-Band Sodom wirkt mit ihrem Soldaten auf dem Cover umso bedrohlicher, wenn im Nebenrahmen ein relaxter Xavier Naidoo auf den Besucher blickt.
Doch es herrscht Aufbruchstimmung. In dem Konferenzraum stehen Umzugskartons, leere Getränkekisten und alte Aktenordner nebeneinander. SPV ist im Wandel. Und das schon seit Mai des vergangenen Jahres. Es war der 27.05.2009, als SPV-Pressesprecher Olly Hahn eine Pressemitteilung verschickte, in der die Hiobsbotschaft verkündet wurde: SPV meldete Insolvenz an und wurde damit zu einem exemplarischen Beispiel der sich wandelnden Musikindustrie.

Der neue Chef
Ungewissheit war wohl das vorherrschende Gefühl, das für alle SPV-Mitarbeiter das Jahr 2009 bestimmte, denn die Zukunft der Firma war trotz des guten Willens von Insolvenzverwalter Manuel Sack keinesfalls zu jedem Zeitpunkt gesichert. Mittlerweile hat sich die Firma – so scheint es zumindest – wieder gefangen. Von Umstrukturierungsprozessen war die Rede und dass Sony den ewigen Independent-Kollegen SPV aufgekauft hätte – Gerüchte, die sich bei einem Besuch in der SPV-Zentrale teils als wahr, teils als falsch herausstellen. Das eine Umstrukturierung stattgefunden hat, darauf weist jedoch schon die Tatsache hin, dass es nicht SPV-Gründer Manfred Schütz ist, der im Büro des Chefs sitzt, sondern Frank Uhle. Mit gefüllter Kaffeetasse bewaffnet, Augenringen, die auf die ein oder andere Überstunde hinweisen und im zerknautschten, grauen Pulli sitzt der 46-Jährige hinter dem Schreibtisch des ersten Büros eines langen Korridors und wirkt gleichermaßen gelassen wie nervös. Er ist das Fleisch gewordene Symbol des Wandels bei SPV. Ein in Wirtschaftseinheiten denkender Mensch, der davon spricht, ein „Produkt einzukaufen“, wenn es um die Verpflichtung einer neuen Band geht. Der von Umstrukturierungsprozessen, Outsourcing und Gewinnmargen redet und damit vermutlich genau der Mann ist, den SPV in der aktuellen Verfassung benötigt, um sich weitgehend selbständig aus der Krise zu befördern, in die sich die Firma innerhalb der vergangenen fünf Jahre manövriert hat. Und seine Beförderung zum Chef von SPV ist nicht die einzige personelle Änderung bei einer Firma, die in ihren Glanztagen rund 125 Mitarbeiter beschäftigte. Heute arbeiten keine zwanzig Mitarbeiter in den Büroräumen am Rande Hannovers.

„Natürlich mussten wir im Rahmen der Umstrukturierung und des Wiederaufbaus massiv Stellen abbauen“, gesteht Uhle. „Dabei haben wir versucht, dass möglichst keine kompletten Abteilungen wegbrechen, sondern an jeder Stelle etwas eingespart wird.“

Komplett unter das Messer fielen die Abteilungen Außendienst, das Lager und die Vertriebsabteilung, von wo aus man früher nicht nur eigene Veröffentlichungen vertrieb, sondern diese Leistung auch anderen Labels anbot.

„Wir müssen diese Herausforderung, SPV wieder aufzubauen, mit den wenigen Leuten stemmen, die wir uns noch leisten können“, stellt Uhle weiterhin fest.

Derzeit ließe sich die Arbeit mit dem stark reduzierten Team problemlos bewältigen, denn immerhin habe man im Moment kaum Veröffentlichungen, sondern kümmere sich ausschließlich um den Wiederaufbau und um Aufklärungsarbeit.

„Bei den Künstlern, die bei uns unter Vertrag stehen, herrschte natürlich eine große Unsicherheit – vor allem bei den ausländischen Bands. Das Insolvenzrecht ist in jedem Land etwas anders geregelt, weswegen viele Musiker nicht wussten, ob ihre Verträge nach wie vor gültig sind oder nicht. Hier mussten wir natürlich viel vermitteln und den Bands klar machen, dass es für sie natürlich Sinn macht, bei SPV zu bleiben, dass unsere Zahlungen nach wir vor pünktlich eintreffen und wir alles korrekt abwickeln werden.“

Eine dauerhafte Rufschädigung soll damit auch bei Kunden vermieden worden sein. „Für Fans von Rock und Metal ist SPV nach wie vor eine Institution. Und unsere Geschäftskunden können sich ebenfalls nicht leisten, SPV einfach zu vernachlässigen, denn dafür haben wir einen zu starken Katalog“, ist sich Uhle sicher. Und Recht hat er: Die Bands, die bei der Firma unter Vertrag stehen oder standen, lesen sich wie das Einmaleins der Heavy-Metal-Geschichte. Motörhead, Alice Cooper und Whitesnake fanden hier ebenso ihre Labelheimat wie diverse Szene-Tipps namens Kreator, Sodom und Helloween. Die Brillanz, der Ruf und die vermeintliche Größe all jener Namen sind es, die für einen umso größeren Schockeffekt sorgten, als die Insolvenz bekannt gegeben wurde. Von einer Firma, die solche Bands unter Vertrag hat, hatten es Szenekenner scheinbar am wenigsten erwartet.

Sündenbock Internet?
Für Gegner neuer Medien goss die Meldung Wasser auf die Mühlen. Allzu schnell war der gemeinsame Sündenbock gefunden: das Internet. Doch Frank Uhle beschwichtigt diese Mutmaßungen.

„SPV ist von Downloads nie übermäßig betroffen gewesen. Illegale Downloads schädigen eher die Major-Labels, wie EMI und Warner, die ja derzeit auch ins Stolpern kommen. Natürlich lässt sich der Rückgang bei den CD-Verkäufen nicht wegdiskutieren, aber in unserem Fall ist er nicht der Auslöser, da wir hier von einem Rückschritt von nur zwei oder drei Prozent pro Jahr sprechen.“ Die Gründe sieht Uhle woanders. „Als sich die Branche zu wandeln begann, hätte man rechtzeitig eingreifen müssen. Wenn wir vor zwei oder drei Jahren betriebswirtschaftlich etwas geändert hätten, hätte der Super-GAU vermutlich verhindert werden können. Schon früher hätten wir uns personell an die Begebenheiten des Marktes anpassen müssen. SPV ist immer mit voller Kraft weitergefahren, wie zu den goldenen Zeiten der Branche. Manch ein Produkt hätten wir nicht einkaufen sollen, weil der Einkauf da so teuer war, dass wir das Geld durch Verkäufe nicht wieder hereinholen konnten“, startet der heutige SPV-Chef eine Auflistung der Gründe, die letztlich zur Krise führten und verweist damit fast unfreiwillig auf den ehemaligen Geschäftsführer Manfred Schütz.

Der 59-jährige Gründer von SPV ist mittlerweile kein Teil der von ihm aufgebauten Firma mehr, sondern hat in Hannover eine neue Firma namens MIG gegründet, die er gemeinsam mit einigen ehemaligen SPV-Mitarbeitern betreibt. Zum Insolvenzverfahren von SPV möchte sich Schütz nicht öffentlich äußern. Auf Nachfrage beteuert er lediglich, dass es ihn als Gründer natürlich schmerzen würde, sich von der von ihm aufgebauten Firma lösen zu müssen.
Welche konkreten Entscheidungen der Geschäftsführung es waren, die zur Krise führten, welche Produkte, respektive Bands, sich im Einkauf nicht rentiert hätten, dazu äußert sich auch Uhle nicht. Es wirkt jedoch beinahe schon paradox, dass rund 85 Prozent aller verpflichteten Bands nach wie vor bei SPV unter Vertrag stehen. Offensichtlich haben Uhle und der Insolvenzverwalter Manuel Sack mit ihrer Aufklärungsarbeit viel erreicht, sodass Anfang Januar schon wieder die ersten Alben veröffentlicht werden konnten. Eine der Bands, die durchweg hinter SPV stand, sind Freedom Call. Die Power-Metal-Band aus Süddeutschland gehört zu den ersten Bands, die nun unter der neuen Herrschaftsägide von Frank Uhle ein neues Album veröffentlichen konnten.

„Die Nachricht, dass das eigene Label scheinbar vor dem Aus steht, hat uns natürlich hart getroffen“, erinnert sich Sänger und Gitarrist Chris Bay. „Wir haben das Glück, dass wir als Band ein eigenes Tonstudio besitzen, also muss nicht jeder Tag Studioarbeit sofort bezahlt werden. Natürlich kostet auch das eigene Studio Geld, aber man hat so immerhin die Möglichkeit, im Vorfeld, also ohne die Finanzierung der Plattenfirma, eine entsprechende Produktion zu verwirklichen.“

Sich bei einem anderen Label zu verpflichten, das stand für Chris Bay und seine Bandkollegen zu keinem Zeitpunkt wirklich zur Option.

„Wir haben durch das finanzielle Desaster von SPV rund zehn Monate verstreichen lassen, ehe nun das neue Album erscheinen konnte und da liegt es nahe, dass man sich anderweitig umschaut. Ich bin auch nach einer Weile echt ungeduldig geworden, denn so eine Stagnation nagt an der Motivation und Energie, die man sich als Musiker unbedingt erhalten muss. Aber bis zum Schluss habe ich meinem Bauchgefühl vertraut. Mein Bauch sagte mir, dass ich das durchstehen muss. Wir haben zehn Jahre super mit der Firma zusammengearbeitet, nach so langer Zeit habe ich einen emotionalen Bezug zu SPV. Das hat uns wohl daran gehindert, uns bei einer anderen Plattenfirma zu verpflichten.“

Freedom Call sind nicht das einzige Beispiel für eine Reihe von Künstlern, die SPV die Treue hielten. Doch es gibt auch andere Beispiele, wie Gamma Ray, deren neues Album „To The Metal“ Ende Januar bei Edel, einem der größten, unabhängigen Musikunternehmen Europas, erschienen ist.

„Der Vertrag mit Gamma Ray war ausgelaufen und musste neu verhandelt werden. Und im Zuge dieser Verhandlungen haben Mitbewerber Summen geboten, die wir nicht bieten wollten. In der Vergangenheit hätten wir mit Sicherheit auf Teufel komm raus versucht, mitzuhalten, aber diese Zeiten sind jetzt vorbei. Wenn ein anderes Unternehmen meint, mit den Einkaufssummen rentabel mit der Band arbeiten zu können, dann ist es für mich vollkommen okay, dass sie sich gegen eine weitere Zusammenarbeit mit SPV entschieden haben“, versichert Uhle.

Dass sich Gamma Ray mit der Insolvenzsituation ihres Arbeitgebers nicht so ganz wohl fühlten und diese Tatsache ein zusätzlicher Beweggrund war, sich einem anderen Unternehmen zu verpflichten, ließ Gamma-Ray-Chef Kai Hansen in einem Interview mit dem RockHard-Magazin  unmissverständlich durchblicken.

„Die SPV-Insolvenz hat uns etwas den Wind aus den Segeln genommen. Wir hatten ja schon im Mai mit der neuen Scheibe angefangen, mussten dann aber erst einmal abwarten, bei welcher Plattenfirma wir letztendlich landen würden. SPV hätte eine neue Option ziehen können, aber dann wäre auch ein neuer Vorschuss für uns fällig gewesen. Wir verhandelten ein paar Monate lang, aber letztendlich wurde diese Option nicht ausgesprochen, so dass wir wieder frei waren. Gott sei Dank. Ich will mit diesem ganzen Insolvenz-Kram auch nichts mehr zu tun haben.“

Für SPV ist der Verlust von Gamma Ray mit Sicherheit nicht begrüßenswert, vor allem da die Band als eines der internationalen Aushängeschilder der deutschen Heavy-Metal-Landschaft gilt, allerdings bleibt für Uhle und sein neu strukturiertes Team keine Zeit, um über diesen Verlust nachzudenken. Zwischen 40 und 50 Veröffentlichungen sind für das Jahr 2010 geplant, darunter vor allem auch Alben neuer, aufstrebender und regional verankerter Bands. „Wir suchen den Schulterschluss mit lokalen Veranstaltern und Musikern. Wir wollen auch zunehmend Newcomer unter Vertrag nehmen und damit mit der klassischen A&R-Strategie, nur etablierte Acts zu verpflichten, brechen. Bei diesen Acts ist Vermarktung und Einkauf sehr teuer. Wir wollen zukünftig besser mit dem vorhandenen Geld arbeiten. Dazu gehört dann weniger, dass man Videos für 50.000 Euro dreht, sondern eng an der Zielgruppe arbeitet. Wir werden Investments so strukturieren, dass sich keine Verpflichtungen für uns oder den Künstler durch große finanzielle Vorschüsse ergeben“, erklärt Uhle.
Damit bricht der 46-Jährige, der seit 2005 bei SPV arbeitet, mit den bisherigen Gepflogenheiten seiner Firma. Kein Zweifel: Uhle hat ein Geschäftsmodell, er hat einen Plan. Er scheint in diesem Moment der richtige Kapitän für das Schlachtschiff zu sein, das unabhängig und frei seine Bahnen durch die Ozeane der Musikindustrie zog und seit einem Jahr zu sinken droht. Ob das Bild von SPV als Fels in der Brandung, als Antithese zu den Major-Labels bestehen bleibt, das steht auf einem anderen Blatt, denn mittlerweile streckt Major-Konkurrent Sony seine Finger aus und versucht, SPV unter die Fittiche zu nehmen – zum Teil mit Erfolg. Schon jetzt wird ein Großteil des SPV-Repertoires als Folge des Insolvenzverfahrens über Sony vertrieben. Was für die Hannoveraner auf der einen Seite eine enorme Hilfe ist und das derzeitige Überleben der Firma und einige Arbeitsplätze sichert, hat auch eine Schattenseite: Die auf Langfristigkeit angelegte Kooperation ermöglicht Sony Music einen späteren Erwerb von SPV. Noch steht die Firma also lange nicht wieder auf eigenen Beinen, sondern läuft nach wie vor Gefahr, als Mahnmal zu enden: Der Rebell, der sich selbst in die Krise stürzte und trotz Gegenwehr geschluckt wird.