Die Rückkehr der Rock-Dinosaurier: KROKUS sind wieder da. Das Urgestein des Hard Rocks scheut sich auch nach über 35 Jahren nicht, den Kampf mit der heutigen Musikbranche aufzunehmen. „Hoodoo“ ist das sechzehnte Album, das die Band veröffentlicht. Sänger und Sprachrohr Marc Storace berichtet über die Hoch- und Tiefphasen einer Band, die mal da, mal weg, aber nie endgültig verschwunden war.
Interview: Dorian Gorr | Fotos: Sony
Das Telefon von Marc Storace steht heute keine Sekunde lang still. Ein schlechteren Termin hätte man sich eigentlich aussuchen können, doch der Sänger, der in einem kleinen Dorf in der Schweiz lebt, lacht nur fröhlich, wenn im Hintergrund abermals das Telefon klingelt. Der Grund: Der heutige Tag (das Interview wurde am 19. Februar geführt) ist der dreißigste Todestag von AC/DC-Originalsänger Bon Scott. Was das mit Marc Storace zu tun hat? Ihm wurde kurz nach Bons Abeben der vakante Posten des AC/DC-Fronters angeboten. Ein Arbeitsangebot, das er ablehnte. Das hält die schreibende Zunft jedoch nicht davon ab, ihn bei ihren Kommentaren zum traurigen Jubiläum zu berücksichtigen.
Letztlich braucht es vier Anläufe, bis Marc endlich Zeit findet. Dreimal funken andere Journalisten dazwischen und dann steht da noch der Zahnarzttermin der Kinder an. Das Leben eines Rockstars ist voller Alltagshürden. Erst am Abend, fünf Stunden nach dem ursprünglich angesetzten Termin, findet Marc eine halbe Stunde Zeit, um dem METAL MIRROR einen Einblick in das neue Album der größten Rockband der Schweiz zu geben.
Marc, ich sehe schon. Du hast heute alle Hände voll zu tun. Interessant, dass deine Meinung zu Bon Scotts Todestag so unglaublich gefragt zu sein scheint. Was wollen die Leute von dir wissen?
Ich verstehe diesen Hype auch nicht so ganz. Eigentlich fragen die alle nochmal nach, wegen dieser Sache, die nun schon fast dreißig Jahre zurückliegt. Dabei ist das doch längst Geschichte.
Du sprichst davon, dass man dir damals den Sängerposten bei AC/DC angeboten hat. Ich muss die Gelegenheit einfach beim Schopfe packen, auch wenn ich damit quasi zum Trittbrettfahrer mutiere, aber was geschah damals?
Haha, da wir ja gleich noch über unser neues Album sprechen werden, werde ich dir die Frage gerne beantworten. Wir befanden uns damals auf großer Tourvorbereitung. Wir hatten eine Lichtanlage inklusive Techniker aus England einfliegen lassen und gingen die verschiedenen Einstellungen durch. Bon Scott war gerade verstorben. Während einer Pause kam jemand zu mir, dem ich geschworen habe, dass ich seinen Namen bis an mein Lebensende niemandem verraten werde, und unterbreitete mir das Angebot, dass ich sofort bei AC/DC als neuer Sänger einsteigen könnte.
Warum hast du abgelehnt?
Ich fragte mich selbst, warum ich dort einsteigen sollte. Es gab für mich nicht einen einzigen wirklich guten Grund. Krokus waren zu dem Zeitpunkt einer der aufstrebendsten Sterne in der Geschichte des Rocks. Wir feierten große Erfolge, ich liebte diese Band und die Mitglieder. Unsere Songs waren super, ich hatte eine großartige Tour vor mir liegen. Für mich hätte es einfach keinen Sinn gemacht, alles hinzuschmeißen, was ich mit den Jungs mühsam aufgebaut hatte, nur um bei AC/DC einzusteigen.
Hast du diese Entscheidung jemals bereut? Immerhin waren die darauf folgenden Jahres bei Krokus recht turbulent, teilweise hattet ihr euch sogar aufgelöst, ein Schicksal, dass dir doch womöglich bei AC/DC erspart geblieben wäre oder?
Natürlich habe ich da oft drüber nachgedacht. Was wäre wenn? Solche Gedanken kamen mir oft, wenn Krokus eine Tiefphase hatten. Aber auf diese Art und Weise zu denken, macht keinen Sinn. Solche Gedanken sind Quatsch. Wer kann mir garantieren, dass dann alles genau so gelaufen wäre, wie es mit AC/DC gelaufen ist? Hätte ich jemals meine heutige Frau kennengelernt? Hätte ich dann heute zwei wundervolle Kinder? Eine einzige kleine Entscheidung ändert das ganze Leben. Und ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben und wie es sich entwickelt hat.
Weißt du, warum die Wahl bei der AC/DC-Sängerfrage auf dich fiel?
Wenn ich dem Rest der Menschheit glauben soll, so gibt es wohl eine gewisse Ähnlichkeit zwischen meiner Stimme und der von Bon Scott. Heute haben mich bereits viele Leute gefragt, ob ich damals bewusst Bons Stimme kopiert habe. Das ist eine Frage, die mich immer ärgert. Ich habe bereits vor meiner Zeit bei Krokus auf diese Weise gesungen. Außerdem ist mein stimmliches Spektrum breiter als das von Bon. AC/DC haben einfach als Band ein anderes Spektrum, die haben beispielsweise nie klassische Balladen geschrieben, so etwas haben wir gemacht. Zudem muss ich gestehen, dass ich damals, als mir der Posten angeboten wurde, gar kein großer Fan von AC/DC war. Ich hörte mir damals eigentlich nur Led Zeppelin und Deep Purple an. Zum AC/DC-Fan wurde ich erst Jahre später.
Und letztlich hat sich ja für dich und Krokus auch alles sehr positiv gewandelt. Der Beweis ist „Hoodoo“, euer sechzehntes Album, das euch abermals die Spitze der Schweizer Rock-Szene sichern wird. Wie ist euer Stand in eurem Heimatland derzeit?
Wir sind mit unserem Stand hier sehr zufrieden. Als wir 2008 unser Comeback-Konzert gaben, konnten wir das Berner Fußballstadion ausverkaufen. Wir spielten vor 10.000 Leuten, so etwas ist natürlich der totale Wahnsinn und verpasst einem eine irre Gänsehaut. Wir haben uns trotz unserer Pause sofort wieder etabliert und brauchen heute nicht vor AC/DC eröffnen, um große Hallen und Stadien auszuverkaufen. Das ist ein gutes Gefühl. Natürlich sind wir aber auch zunehmend an unseren Nachbarländern interessiert. Wir werden dieses Jahr beim Bang Your Head auftreten, als Co-Headliner. Headliner sind Twisted Sister. Auch eine lustige Wendung der Ereignisse: Als wir damals durch die USA tourten, haben die für uns eröffnet, aber im Gegensatz zu uns, sind die stets am Ball geblieben (geschichtlich nicht ganz richtig, Twisted Sister hatten sich für über zehn Jahre aufgelöst – dg). So etwas zahlt sich aus, aber wir werden unseren Weg zurück an die Spitze spielen, da bin ich mir sicher.
Du sprichst schon an, dass ihr nicht immer am Ball geblieben seid. In der Tat ist es beachtlich, wieviele Mitglieder ihr bereits verschlissen habt. Wie stabil sind Krokus im Jahre 2010?
Unglaublich stabil. Erst kürzlich gaben wir ein Interview für ein Familienmagazin hier in der Schweiz, die ein Special über Krokus bringen wollen. Und während wir da saßen und uns über die Band und die Geschichte unterhielten, bekam ich dieses Gefühl, dass ich merkte: Mit dieser Band läuft es rund. Der Spirit stimmt. Wir haben eine anhaltende Harmonie in die Band gebracht und mit jeder neuen Live-Show, jedem neuen Erfolg wird der imaginäre Wall, den wir gebildet haben, um Intrigen und anderen Hässlichkeiten keinen Platz zu lassen, noch stärker. Es ist ein großartiges Gefühl, noch stärker als jemals zuvor zu sein.
Krokus haben rund 13 Millionen Alben verkauft, ihr habt Platinstatus, kannst du da als Sänger und Aushängeschild überhaupt noch vor die Tür gehen, ohne dass die Leute dich ansprechen?
Nun, solche Situationen gibt es natürlich fast immer, wenn ich in die Stadt fahre. Eben habe ich meine Kinder zum Zahnarzt gebracht und war danach in einer Apotheke und wurde da erst wieder angesprochen. Aber ich bin da ganz ehrlich: ich genieße das. Ich kann die Leute nicht verstehen, die dann anfangen, den Großkotz raushängen zu lassen oder wegrennen. Das sind Fans, die mir ein gutes Gefühl geben. In dem kleinen Dorf, in dem ich wohne, ist dieser Effekt natürlich abgenutzt. Hier werde ich weitgehend in Ruhe gelassen und meine Privatsphäre respektiert.
Aber du bist nicht nur ein Rockstar, sondern auch ein fürsorglicher Vater, der seine Kinder zum Zahnarzt bringt, wie man merkt. Ist das die andere Seite des Marc Storace?
Ja, scheinbar. Ich bin sehr stolz auf meine Kinder. Wir, also die Band, sind durch die Hölle gegangen, das kann man durchaus so sagen. Wir haben alles mitgenommen, was das Rockstar-Dasein zu bieten hat. Jede Menge Drogen, Frauen, die einem zu Füßen lagen, Alkohol, das volle Programm. Sex, Drugs und Rock‘n‘Roll eben. Ich bin froh, dass ich das durchgestanden habe und irgendwann den Absprung fand und eine Familie gründete. Ich danke Gott, dass er mich mit einer wunderschönen, starken Schweizerin zusammenbrachte, mit der ich jetzt seit zwanzig Jahre verheiratet bin und die mit mir eine Familie gründete. Letztlich war das Time-Out für Krokus gar nicht so unpassend, denn dadurch hatte ich Zeit, meine Kinder aufwachsen zu sehen. In den frühen Jahren war ich das halbe Jahr nur auf Tour. Ich hätte sehr viel verpasst, wenn ich durch die Welt gereist, aber nicht als Vater für die beiden da gewesen wäre. Und genau so passend kommt jetzt unser Comeback. Meine Kinder sind jetzt 14 und 16, da wollen die nicht durchgehend Mama und Papa um sich herum haben. Also kann ich jetzt auch unbeschwert auf Tour gehen.
Wenn ihr heute auf Tour geht, aber den Rockstar-Tourklischees abgeschworen habt, wie sieht es dann auf Tour aus? Wird da nach und vor dem Auftritt Tee und Kaffee statt Whiskey getrunken?
Haha, ja. Wenn man jung ist, geht so etwas ja alles problemlos. Ich war früher ein richtiges Stehaufmännchen. Aber diese Jahre sind vorbei. Ich bin heute älter und weiser und versuche auf mich und meine Gesundheit zu achten. Mir geht es auf Tour nur noch um die Musik, nicht um das Leben drumherum. Mit einem Kater oder total betrunken spielt es sich nicht so gut, wie wenn man topfit ist. Ich stecke meine ganze Energie lieber in die Show, die wir Abend für Abend bieten. Die Fans haben immerhin bezahlt, um uns zu sehen, also will ich ihnen was zurückgeben.
Du vermisst diesen alten Lebensstil gar nicht?
Versteh mich nicht falsch: Ich trinke heute noch gerne eine Flasche Rotwein, zusammen mit meiner Frau, während wir uns einen guten Film anschauen, aber das reicht mir heute. Die jungen Musiker träumen alle von diesem Rockstar-Lebensstil, aber so toll ist das gar nicht. Wenn man sechs Monate am Stück unterwegs ist, ist man oft sehr einsam. Mir ging es oft so. Natürlich trifft man viele neue Leute, geht in neue Restaurants, besucht neue Hotels, aber das füllt einen auf Dauer nicht aus. Die einzige Familie, die du zu der Zeit hast, ist die Crew und deine Band. Natürlich hat man mit denen viel Spaß, aber man bekommt nicht die ganze Liebe, die man braucht. Also jetzt so von Frau zu Mann. Und auch die zahlreichen Groupies geben einem nicht das Gefühl, das man braucht. Zum Glück sind wir aus diesem Teufelskreis heil herausgekommen.
Musikalisch geht es hingegen noch sehr wild zu. Unter anderem covert ihr Steppenwolfs „Born To Be Wild“. Wieso ausgerechnet diesen Song?
Wir haben uns sehr früh dafür entschieden, ein Cover mit auf die Platte zu packen und uns schwirrten viele Songs im Kopf herum. Als wir „Born To Be Wild“ ausprobierten, hat es sofort Klick gemacht. Wir hatten den zuvor schon live gespielt, unter anderem bei unserer Reunion-Show, und da kam er bereits fantastisch an. Diesen Song kennt einfach die ganze Welt. Er ist eine Hymne. Jeder Rocker kennt die Melodie und den Text, das sitzt alles. Ein Song wie dieser wird nur einmal alle vierzig Jahre geschrieben. Ich habe keine Ahnung, ob der Song zuvor schon oft gecovert wurde, aber wir wollten den unbedingt auf einem unserer Alben haben. Und ich finde, dass uns das gut gelungen ist, da unsere Version mehr Power hat als das Original. Ich habe die Gesangsmelodie ein bisschen angepasst, bin dabei aber nicht so radikal vorgegangen, wie damals bei „American Woman“.
Was hat es mit dem Albentitel „Hoodoo“ auf sich, der ja nicht nur vom Wort her an Voodoo erinnert.
Ja, auch Hoodoo hat mit Magie zu tun und ist eine eigene Form magischer Rituale, die ihren Ursprung bei den Afroamerikanern und Indianern hat. Wir wollten gerne einen magischen Titel haben, da wir finden, dass es an Magie grenzt, dass wir heute wieder zusammengefunden haben und unsere alten Streitigkeiten beilegen konnten. So wie wir das Kriegsbeil begraben haben, daran dürfte sich der Rest der Welt gerne ein Beispiel nehmen, dann würde es sehr viel mehr Frieden geben. Außerdem werden als Hoodoos noch Steinsäulen in Australien bezeichnet, was ich auch als eine schöne Metapher empfand. Voodoo kennt lustigerweise jeder, Hoodoo kaum jemand. Man könnte ihn als die evangelische Variante von Voodoo bezeichnen. Wir selbst hingen eine Weile in New Orleans rum und haben uns dort etwas mit dem Thema beschäftigt. Wir haben mit diesem ganzen Ritual-Kram aber nichts zu tun, aber uns hat diese übernatürliche Mystik des Wortes gereizt.
Was ich faszinierend finde, ist dass Bands wie Krokus oder AC/DC auch heute noch unzählige Platten verkaufen und große Konzerte spielen. Da kommen Leute zu den Konzerten, die vom Alter her die Enkel der Musiker sein könnten. Worin siehst du es begründet, dass diese Musik scheinbar nicht totzukriegen ist?
Diese Musik ist eben der Kern von allem. Wir sind quasi das Mutterschiff. Wir befassen uns nicht mit Mode, Make-Up und diesem oberflächlichen Kram. Unsere Musik widmet sich menschlichen Problemen. Die Musik ist einfach ehrlich, so etwas kann man nicht totkriegen. Ich als großer Blues-Fan glaube auch, dass der Blues irgendwann einmal ganz groß zurückkommen wird. Für mich sind diese Musikstile wie ein Riesenrad: Mal ganz oben auf, mal ganz unten, aber nie endgültig verschwunden. Genau so wie es mit Krokus ist. Wir sind ein Stück Natur, so etwas vergeht nicht einfach.








