
Als Papa noch Rockstar war
DESTRUCTION ließen sich sehr viel Zeit damit, ein neues Live-Album auf den Markt zu hauen. Mit „The Curse Of The Antichrist“ kriegen die Thrash-Fans nun eine Doppel-CD mit Futter für die Ohren. Bassist und Sänger Schmier ärgert sich nur darüber, dass die Arbeit an einer Live-Scheibe heute kaum noch honoriert wird.
Text: Dorian Gorr | Fotos: AFM
Schmier, du sprichst stets von Qualität, wenn es um euer Live-Album geht. Wieviel wird an solchen Aufnahmen nachgebessert, damit am Ende etwas herauskommt, mit dem ihr als Band zufrieden seid?
Am besten sollte natürlich so gut wie gar nicht an den Aufnahmen herumgeschraubt werden, aber das ist nun einmal utopisch. Der erste Schritt zu einer qualitativen Live-Aufnahme ist die Auswahl der Show. Man nimmt meist Stücke während mehrerer verschiedener Shows auf. Ein ganzes Set auf eine Live-CD zu bannen, ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, sofern man am Ende nicht viele Spielfehler hören will. Bands, die das machen und behaupten, da sei nichts mehr dran ausgebessert worden, die lügen. Der entscheidende Schritt ist letztlich der Mix. Uns war natürlich wichtig, dass auch die Live-Aufnahme gut knallt. Dafür mussten bei uns einige Nuancen verändert werden, damit hier und da die Gitarre noch etwas fetter klingt.
Wie wichtig ist es dir, dass man bei einem Live-Album auch das Publikum hört?
Es ist schon wichtig, aber nicht so wichtig, wie viele Leute behaupten. Wenn ich ein Live-Album in meinen Player schmeiße, dann will ich die beschissene Band hören, nicht das beschissene Publikum. Dass man das Publikum nicht hören kann, ist immer so eine Kritik an einem Live-Album, die ich nicht nachvollziehen kann. Zumal es ohnehin getrickst ist, wenn das Publikum durch die laute PA-Wand noch hörbar ist. Der Beweis: Die PA beschallt ja auch die Mikrofone, die in der Nähe des Publikums aufgebaut werden. Somit wird auch die Band lauter, wenn man das Publikum einfach lauter drehen würde. Leider glauben viele Leute diesen Schwachsinn, aber bei uns wird es das nicht geben.
Wenn ein Auftritt am Stück nicht in Frage kommt, welche Auftritte hören wir dann auf „Curse Of The Antichrist“?
Wir haben die Auftritte aus Tokyo und vom Wacken Open Air genommen. Das waren die beiden besten Shows aus einer ganzen Reihe von Aufnahmen. Wir hatten noch viele andere, aber entweder entsprachen die Aufnahmen nicht unseren qualitativen Standards oder sie waren aus irgendwelchen Gründen kaputt. So viele Shows konnten wir auch nicht mitschneiden, immerhin kostet einen so etwas pro Tag einen Tausender. Für Iron Maiden mag das kein Problem sein, für uns schon.
Warum eine Show aus Tokyo? Sind Destruction derartig groß in Japan?
Wir sind dort nicht so groß wie Judas Priest, aber wir haben durchaus unsere Fans und spielen durchschnittlich vor rund 800 Zuschauern. Für Japan spricht auch immer, dass dort alles reibungslos funktioniert und das Equipment super ist. Dort gibt es unglaublich viele richtig gute Techniker. Bei einer Show in den USA wäre das Publikum natürlich größer und aktiver gewesen, aber dort bereiten einen nicht nur die Techniker oft Probleme, es wird einem auch alles geklaut, was nicht niet- und nagelfest ist.
Warst du bei den Aufnahmen nervöser als sonst, weil du wusstest, dass der ganze Auftritt mitgeschnitten wird?
Es nervt schon ein wenig. Sobald man daran denkt, verspielt man sich oder vergisst den Text. Beim Wacken Open Air war die Lage aber sowieso etwas anders, weil das der größte Auftritt war, den wir je gespielt haben. So etwas möchte man natürlich festhalten. Sollte ich einmal Kinder haben, möchte ich ihnen das zeigen und sagen können: „Seht mal, damals war Papa noch Rockstar!“. Ich ärgere mich bis heute darüber, dass wir in den Achtzigern kaum Fotos gemacht haben oder mal mit einer Hobbykamera mitgefilmt haben. Viele unserer Kollegen haben das mit ihren Bands damals gemacht und wir haben die meist dafür ausgelacht. Heute sind wir schlauer und hätten gerne mehr Erinnerungsstücke an die guten Achtziger.
Ihr habt euch im Gegensatz zu den meisten eurer Kollegen viel Zeit gelassen mit diesem Live-Album…
…und trotzdem schreibt die ganze Presse in ihren Reviews so Sachen wie: „Wer braucht denn eine weitere Destruction-Live-Scheibe?“ Abgesehen von einem Japan-Release, der nirgendwo erhältlich ist, ist unsere letzte richtige Live-Scheibe 20 Jahre her. Die Leute haben gar keine Ahnung, wieviel Zeit in so einer Scheibe steckt, die nicht irgendwo als Bonus-Mist mitgeliefert wird. Da stecken unzählige Tage voll mit filigranen Mix-Sessions und Equalizer-Korrektur hinter. Am Ende unterscheidet sich der Aufwand nur unwesentlich von dem, den man mit einem richtigen Album hat. Ich wünsche mir, die Leute würden das beherzigen und honoriert.
www.destruction.de
Tags: Destruction, Interview, Schmier
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