Posts Tagged ‘Eisregen’

METAL MIRROR #61 ist online

Dezember 18th, 2011

METAL MIRROR #61 - Death, Nightwish, Rival Sons, Cathedral, Eisregen, Primal FearDiesen Monat ist es zehn Jahre her, dass Chuck Schuldiner den Kampf gegen den Hirntumor verlor. Der Death-Metal-Visionär wurde nur 34 Jahre alt – 34 Jahre, in denen er die Death-Metal-Szene mehr prägte als die meisten anderen Musiker. Noch heute beziehen etliche junge Death-Metal-Bands ihre Inspiration aus den unterschiedlichsten Death-Alben. Wir haben den zehnten Todestag zum Anlass genommen, um Evil Chuck eine Titelstory zu widmen. Wann sonst werden wir dazu nochmal die Gelegenheit haben? In dieser Titelstory kommen etliche Mitstreiter zu Wort, die mit Chuck in den mehr als zwei Jahrzehnten, die er aktiv Musik machte, zusammengearbeitet haben. Wir sprachen mit den ex-Death-Musikern Terry Butler, Kam Lee, Chris Reifert und Ralph Santolla sowie mit Eric Greif, dem langjährigen Manager der Band. Obendrein besprechen unsere beiden Death-Fanatiker Elvis und David die gesamte Chuck-Diskographie.

Abseits dieser Band haben wir aber auch noch eine Menge mehr zu bieten: Nightwish melden sich mit neuem Album zurück. Für manch einen die Überraschung: Das Ding macht ja richtig viel Bock! Jenny Bombeck hat das als Anlass genommen, um sich mit Marco Hietala zu unterhalten. Außerdem gibt es Interviews mit Rival Sons, Primal Fear, Eisregen sowie ein Blick auf die Cathedral-Diskographie aus der Sicht von Gitarrist Gaz. Viel Spaß mit dieser Ausgabe und rutscht gut ins neue Jahr. Am 1. Januar begrüßen wir euch dann mit unserem großen Jahresrückblick. Freut euch drauf!

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ARCHIV – METAL MIRROR #59

Oktober 31st, 2011

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TITELSTORY

Interview mit Cronos von Venom Vor 30 Jahren erschien mit „Welcome To Hell“ ein Meilenstein der Heavy-Metal-Geschichte. VENOM begründeten mit ihrem „Black Metal“ ein ganz neues Genre, das heute größer denn je zuvor ist. Auch wenn die Alben der Neuzeit nie den Kultstatus der Frühwerke erreichten, bleiben die Briten eine integre Institution. Das neue Album „Fallen Angels“ zeigt eine Band, die ihren Wurzeln treu geblieben ist. Im Interview entpuppt sich Bandchef Cronos als genau der großmaulige, extrovertierte, laute Querkopf, den man seit jeher hinter dieser Band vermutet hat.

Außerdem: Kommentare von Sodom, Toxic Holocaust, Gorgoroth, Hail Of Bullets und Desaster.


ARTIKEL & INTERVIEWS

Interview mit Amy Lee von Evanescence 2003 war das große Jahr des Durchbruchs für EVANESCENCE. Es wird kaum jemanden geben, der ihren großen Hit nicht kennt. Doch solch ein Überhit bringt auch Schattenseiten mit sich. Kein Wunder, dass Sängerin Amy Lee dem METAL MIRROR erzählt, dass ihr drittes Album nichts mehr mit den Vorgängeralben gemein haben soll.

Interview mit Fast Eddie Clarke von FastwayNach 21 Jahren Pause kommen FASTWAY, die Band von ex-Motörhead-Gitarrist Fast Eddie Clarke, zurück. Einziges Problem: Heute kennt die Truppe quasi niemand mehr. Der Gitarrero sieht es entspannt.

Interview mit Selim Lemouchi von The Devil's Blood Interviews mit Selim Lemouchi von THE DEVIL‘S BLOOD sind immer speziell. Einerseits hat man stets das Gefühl, mit einem genialen Künstler zu sprechen, einem musikalischen Visionär, der gemeinsam mit seiner Schwester Farida die Zukunft des okkulten Psychedelic Rocks mitbestimmen wird. Andererseits wirken manche der philosophischen Ansichten Selims schwer nachvollziehbar.

Interview mit Jesper von D:A:D Album Nummer elf der melancholischen Hard-Rocker D:A:D steht an. Und an keinem geringeren Releasedatum als dem 11.11.11 soll das gute Stück über hoffentlich mehr als elf Ladentische gehen. Was soll dieser Elfen-Quatsch? Haben wir nachgefragt.

Interview mit Mikael Hedlung von Hypocrisy 20 Jahre HYPOCRISY – das muss gefeiert werden. Die schwedische Death-Metal-Band gönnt sich anlässlich des Geburtstages die erste Band-DVD, die nicht nur den Live-Mitschnitt einer Bulgarien-Show enthält, sondern im Rahmen einer ausgiebigen Dokumentation auch in voller Breite auf die Höhen und Tiefen der Legende eingeht. Bassist und Gründungsmitglied Mikael Hedlund steht Rede und Antwort.

Interview mit Max Kolesne von Krisiun KRISIUN sind mit einem der stabilsten Line-Ups der Szene gesegnet. Die drei Brüder aus Brasilien spielen seit über 20 Jahren gemeinsam Death Metal. Und wenn man Schlagzeuger Max Kolesne glauben darf, wird sich das so bald auch nicht ändern.

Interview mit Member 001 von The Konsortium DEBÜTASTISCH! In dieser Artikelserie stellen wir in unregelmäßigen Abständen talentierte Bands vor, die uns mit ihrem ersten Album beeindruckt haben. Diesmal dabei: THE KONSORTIUM, eine abgedrehte Black-Metal-Band aus Norwegen, die sich gerne so bedeckt wie möglich hält.

Interview mit Crister von Isole ISOLE sind eine Doom-Metal-Band aus Schweden, die mit ihrem Stile eher im epischen Sektor des Genres einzuordnen sind. Nach ihrem letzten Album „Silent Ruins – Redemption Part I“ kommt nun ihr fünftes Album „Born From Shadows“ auf den Markt, das aber keine Fortführung der „Redemption“-Reihe ist. Wir sprachen über das wie, weshalb und wieso überhaupt mit Sänger und Gitarrst Crister Olsson.

Stage Secrets Management, vor kurzem noch bekannt unter dem Namen „Fucking Booking“, sind eigentlich schon lange im nordrheinwestfälischem Untergrund dem ein oder anderen ein Begriff. Heute jedoch fanden verhältnismäßig wenig Leute den Weg zum Oberhausener Schacht 1, was unter anderem auch daran liegen könnte, dass es extrem schwierig ist, passende Vorbands für die polarisierenden Eisregen zu finden.

Es ist Dienstagabend und die Essener Grugahalle ist nur zu drei Vierteln voll. Dieser Umstand ist wohl weniger dem bevorstehendem Edguy-Konzert anlässlich der „Age Of The Joker“-Tour zuzuschreiben, sondern eher dem Wochentag. Eigentlich hätte der Gig schon Wochen vorher an einem Freitag stattfinden sollen, aber Herr Sammet und seine Mannen hatten damals leider krankheitsbedingt kurzfristig absagen müssen, weswegen die eine oder andere Karte zurückgegeben wurde. Doch sollten es genügend Zuschauer sein, um der Halle gehörig einzuheizen.

REVIEWS

The Devil’s Blood – The Thousandfold Epicentre (Killer-Album)

Venom – Fallen Angels
Megadeth – TH1RT3EN
Machine Head – Unto The Locust
Krisiun – The Great Execution
Astral Doors – Jerusalem
Graveworm – Fragments Of Death
Throne Of Katarsis – Ved Graven
Brutal Truth – End Time

Airbag – All Rights Removed
Ankor – My Own Angel
Army Rising – Impending Chaos
Black Tusk – Set The Dial
Charred Walls Of The Damned – Cold Winds On Timeless Days
D:A:D – DIC.NII.LAN.DAFT.ERD.ARK
Deathstars – The Greatest Hits On Earth (Best-Of)
Descending – New Death Celebrity
Diabolos Dust – Ruins Of Mankind
Dreamcatcher – Soul Freedom
Elks – Destined For The Sun
Eternal Flight – D.R.E.A.M.
Evanescence – Evanescence
Fastway – Eat Dog Eat
From The Depth – Back To Life
Grand Design – Idolizer
Grand Illusion – Prince Of Paupers
Gurd – Never Fail
Haken – Visions
Hammers Of Misfortune – 17th Street
Hardcore Superstar – The Party Ain’t Over ‘Til We Say So (Best-Of)
Hate Squad – Katharsis
Isole – Born From Shadows
Kill Chambers – The Reckoning
Leningrad Cowboys – Buena Vodka Social Club
Mastodon – The Hunter
Metsatöll – Ulg
Mortal Sin – Psychology Of Death
Morton – Come Read The Words Forbidden
My Black Light – Human Maze
One Morning Left – The Bree Tanz
Palace – Dreamevilizer
Pathology – Awaken To The Suffering
Riot – Immortal Soul
Riotgod – Invisible Empire
Under That Spell – Black Sun Zenith
Visions Of Atlantis – Maria Magdalena
Voyager – The Meaning Of I

Hypocrisy – Hell Over Sofia (DVD)
Slash – Made In Stoke 24/7/11
V.A. – PartySan Open Air 2010

Interview: Marienbad – “Kamikaze im Märchenwald”

Mai 29th, 2011

Kamikaze im Märchenwald

Verwunschene Wälder in Märchen, heimgesuchte Gemeinden in Filmen oder sagenumwobene Stätte in Romanen – Legenden ranken sich um allerlei Orte und faszinieren damals wie heute. Mit MARIENBAD schildert Eisregen-Frontkehle Michael Roth einen solchen Mythos um ein kleines tschechisches Dorf auf seine eigene, ganz spezielle, Weise.

Text: Miriam Görge | Foto: Massacre Records

Wir Menschen werden von jeher von unerklärlichen Dingen magisch angezogen. Doch was uns noch deutlicher charakterisiert als die Faszination für unfassbare Geschichten, ist die Begierde diese zu entmythifizieren. Jener Drang erklärt, warum ein kleiner, aber feiner Kurort in Tschechien dieser Tage auf seiner Website einige Besucher mehr als üblich verzeichnen dürfte. Fündig wird jedoch keiner von ihnen. Etwa doch alles nur erfunden, was Marienbad auf ihrem Debütalbum „Werk 1: Nachtfall“ so düster schildern? „Nein!“, klärt Michael auf. „Die Geschichte, wie ich sie in unserem Forum vorgestellt habe, ist echt.“ Dort schildert Roth, wie ihm schon im Kindesalter von seiner Oma von einem Dorf berichtet wurde, in dem vieles nicht so war, wie es sein sollte: Immense Mord- und Suizidraten und auch sonst allerhand seltsame Geschehnisse, die schließlich dazu führten, dass man beschloss, das Örtchen zu vernichten und an seiner Stelle einen Stausee zu errichten.

Fakten, Fakten, Fiktion…
„Die Geschichten, die wir mit Marienbad erzählen wollen, beruhen auf Tatsachen. Aber natürlich haben wir auch viele Ausschmückungen vorgenommen, um das Ganze interessanter zu gestalten. Beispielsweise haben wir die geografische Lage etwas verändert. Der ursprüngliche Name des Ortes war als Bandname gänzlich ungeeignet, Marienbad gibt da phonetisch viel mehr her und bleibt auch besser im Gedächtnis. Außerdem gibt es zu der Legende einen Film namens „Beneath Still Waters“, dort hieß der Ort „Marinbad“. Diesen Bezug haben wir übernommen, um da auch einen kleinen Kreis zu schließen.“

Abhilfe für Neugierige
Für alle, die ihre Google-Recherchen enttäuscht abgebrochen und den Mythos als erfunden abgetan haben, verspricht Roth Abhilfe: „Wir sind dran, sowohl für Eisregen als auch für Marienbad wieder Websites anzulegen. In der Vergangenheit hatten wir leider immer das Problem, dass unsere Seite ständig von irgendwelchen Gegnern gehackt und dabei sehr viel politischer Scheiß mit ins Spiel gebracht wurde, der mit uns eigentlich nichts zu tun hatte. Momentan läuft das meiste ja über unser Fleischhaus-Forum, da ist die Überwachung eben optimal. Aber wir werden versuchen, mit den Leuten demnächst wieder was Neues auf die Beine zu stellen.“

Viele Pläne, wenig Zeit
Die Aktualisierung der Internetpräsenz ist nur eines von vielen Zielen, die der Fleischhauschef vor Augen hat. Da weiß man oft gar nicht, wo man anfangen soll. Fest steht zumindest, dass der Buchhandel noch eine Weile auf Roth verzichten muss, auch wenn wie er sagt „die Idee ein Buch zu schreiben mir schon lange im Hinterkopf herumschwirrt.“ „Priorität hat nun erstmal das kommende Eisregen-Album. Wenn alles nach Plan läuft, schaffen wir das hoffentlich noch bis Ende dieses Jahres. Die Bandchemie ist da mittlerweile auf hohem Niveau und wir haben wieder unwahrscheinlich viel Spaß an der Sache. Da werden noch einige Alben kommen, das komplette Umfeld spricht inzwischen dafür.“
Während die Zukunft der Mutterband also langfristig gesichert scheint, weiß man bei den Nebenprojekten nie so genau, was die Zukunft bringt. Michael, der konsequent schweigt, wenn er für eines seiner Schäfchen gerade keinen Redebedarf sieht, nimmt es gelassen. Für ihn hat immer der Spaß an der Musik Vorrang. Und den hatten er und sein Eisregen-Kollege Ronny allemal. Trotzdem bleibt vorerst ungewiss, ob und wann auf „Werk 1“ die Nummer 2 folgt: „Yantit und ich haben über ein Jahr Arbeit in Marienbad gesteckt, was uns sehr viel Freude bearbeitet hat. Langfristig haben wir großes Interesse, das Projekt fortzuführen, müssen aber auch immer einen Blick darauf werfen, wie sich das ganze zeitlich koordinieren lässt. Wir schauen einfach mal weiter, wenn das Eisregen-Album im Kasten ist.“

Neue alte Horizonte
Kein Weg führt an Eisregen vorbei. Trotzdem ist es Sänger Roth wichtig, nicht nur nach Parallelen zwischen den beiden Bands zu suchen, sondern auch die Unterschiede herauszuhören. Viel zu vorschnell zeigen sich immer wieder erstere auf, was bei der mehr als charakteristischen Stimme der „Blutkehle“ nur allzu nahe liegt. Ebenso wenig lässt sich auch bei Marienbad Michaels Vorliebe für die düstere Seite des Lebens leugnen, wenn auch sehr viel jugendschutzfreundlicher. Trotzdem bietet das neue Projekt Aspekte, die es so von den Thüringern vorher noch nicht gab. „Natürlich haben wir durch unsere Hauptband Charakteristiken in der Musik, die sich nicht leugnen lassen und die du auch hier raushörst. Aber prinzipiell war Marienbad von der Thematik etwas, was ich nicht unter Eisregen hätte veröffentlichen wollen. Ich denke, unter dem Banner wären viele Fans unzufrieden gewesen, wenn sie das Album gehört hätten. Deswegen war eine Trennung nicht nur uns, sondern gerade auch für die Fans wichtig, um etwaigen Enttäuschungen Splatter-verwöhnter Anhänger vorzubeugen.“
Darüber hinaus bietet Marienbad auch für Hörer Einstiegsmöglichkeiten, die ob der zeitweise latent obszönen Eisregenwortwahl die Nase rümpfen. „Nachtfall kann gerade für Leute interessant sein, die mit unserer eigentlichen Horrorschiene nichts anfangen können“, bestätigt Roth.

Thüringer Exportschlager
Welcher Kelch allerdings an (fast) niemandem vorbeigeht, ist das auch bei Marienbad systematisch gerollte „R“ des Sängers, was nicht jeder Rezensent mit Wohlwollen aufnimmt. Michael sieht diese Diskussion beim Albumfeedback gelassen: „Das gehört zu meiner Stilistik einfach dazu und ändert sich nicht, je nachdem welcher Name auf dem Cover steht. Es wegzulassen stand nie zur Diskussion. Wenn ich mich richtig konzentriere, könnte ich es zumindest, wenn ich wollte!“
Aber Herr Roth möchte nicht, was auch völlig legitim ist. Wer sich dennoch allzu sehr daran stört, der hört entweder komplett weg oder nutzt die Chance, sich „Nachtfall“ in englischer Sprache anzuhören. Auf dieser, dem deutschen Album beiliegenden Version beweist er, dass es auch annährend ohne „Errrrrr“ geht. Grund für das witzige Gimmick war jedoch etwas anderes: „Das war eine persönliche Entscheidung. Ich finde diese Sprachbarriere, die es bei Eisregen gibt, schade. Die Texte lassen sich unmöglich adäquat ins Englische übersetzen, dafür sind sie zu speziell. Bei Marienbad war es mir wichtig, dass das Konzept komplett verstanden wird und vielleicht auch mal Leuten im Ausland die Möglichkeit zu geben, uns kennen zu lernen. Wenn wir ein weiteres Album machen sollten, werden wir das wohl beibehalten. Das war eine interessante Erfahrung und auch eine Herausforderung, zumal wir nicht bloß übersetzt, sondern auch die Musik ganz leicht abgewandelt haben.“
Am wohlsten fühlt sich Michael Roth dann aber doch mit seiner Muttersprache und, soviel darf verraten werden, persönlich präferiert er die deutsche Version. Doch dazu möge sich jeder sein eigenes Bild machen, indem er der gesungenen Aufforderung der Band Folge leistet: „Komm nach Marienbad…“

Hauptartikel: “Musik still geschaltet” (Musikzensur in Deutschland)

Januar 30th, 2011

Musik still geschaltet

„Eine Zensur findet nicht statt“ heißt es im Grundgesetz. Doch die Realität sieht anders aus. Jährlich werden Filme und Musik indiziert. 2009 waren es 132 Tonträger. Die Gründe sind meist Volksverhetzung, Rassenhass und Verherrlichung des Dritten Reichs. Doch auch Alben, deren Texte oder Cover nach Ansicht der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (kurz: BPJM) durch Gewaltdarstellung zur Verrohung führen, landen auf dem Index. Ein Artikel über die Musikzensur in Deutschland. Mit Stimmen von EISREGEN, CANNIBAL CORPSE und der Vorsitzenden der BPJM

Text: Dorian Gorr
Fotos: Jenny Bombeck, Metal Blade & Massacre

„Mit jedem Schwung meines Hammers schlage ich deinen verdammten Kopf ein, bis das Gehirn raustropft. Durch die Ritzen tropft das Blut“, singen Cannibal Corpse in ihrem vielleicht bekanntesten Song „Hammer Smashed Face“. Der Song hat einen Text, der nur einer von vielen ist, in denen die US-amerikanische Death-Metal-Band Gewalt- und Horrorfantasien überaus detailliert schildert. Unterstrichen werden die blutrünstigen Texte von Cover-Motiven, die voll von Leichen, Gedärmen und Blut sind. Für Fans von Death-Metal-Bands gewohnte Ästhetik, die die Band Cannibal Corpse bereits seit den frühen Neunzigern begleitet. Mit ihrer eigenwilligen Ästhetik wurde in Deutschland aber auch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien ein stetiger Begleiter der Band. Sechs ihrer elf Studioalben befinden sich derzeit auf dem Index, wegen verrohender Darstellung von Gewalt in Cover-Artwork und Texten. „Diese Texte passen einfach enorm gut zu einer extremen Musikform wie dem Death Metal. Es gibt dabei keine versteckte Botschaft. Und selbst wenn es eine gibt, würde ich diese niemals verraten. Das macht einen Text doch aus, dass man beim Lesen die eigene Vorstellungskraft benutzen kann und dadurch jeder Leser eine eigene Erfahrung mit dem Text macht“, erklärt Cannibal-Corpse-Bassist Alex Webster die Motivation, auch nach über 20 Jahren noch immer solche Texte zu schreiben. Dass es viele Personen gibt, die der Musik und den Texten von Cannibal Corpse den Kunstgehalt absprechen, stört den Mitgründer der Band nicht. „Ich weiß, dass sowohl die Musik als auch die Texte nicht für jedermann sind. Die Kunst bei solcher Musik versteht nicht jeder“, so der 40-Jährige, der sich auf die künstlerische Freiheit beruft und damit auf den Konflikt hinweist, mit dem eine Behörde wie die BPJM tagtäglich konfrontiert wird.
Das Abwägen von Jugendschutz und Kunstschutz ist Hauptbestandteil der Arbeit der BPJM, deren Vorsitzende Elke Monssen-Engberding ist. Die Vorschläge, welche Alben einer Prüfung unterzogen werden sollen, gehen allerdings nicht von der BPJM aus, sondern kommen von Jugendämtern und anderen anerkannten Trägern der freien Jugendhilfe, also letztlich aus der Bevölkerung selbst. Wird ein Album erst einmal einer Prüfung unterzogen, entscheidet ein zwölfköpfiges Gremium, das sich aus Repräsentanten unterschiedlicher Verbände zusammensetzt, was im aktuellen Falle höher zu achten ist: der Jugendschutz oder die künstlerische Freiheit. Glaubt man Elke Monssen-Engberding, so führen die meisten Anträge auch zu einer Indizierung. „Die Jugendämter, die uns die Vorschläge einreichen, die wissen ja, wo die Grenzen überschritten werden. Sonst würden die ein Objekt ja nicht einreichen. Meist sind diese Sachen also sehr gut begründet“, erklärt die BPJM-Vorsitzende. „Wenn eine Band in ihren Texten dazu auffordert, Juden ins KZ zu stecken und Dunkelhäutige zu erschießen, dann braucht man ja nicht mehr lange darüber diskutieren, ob das mit der künstlerischen Freiheit zu entschuldigen ist“, ist sie sich weiterhin sicher.

SPIEGEL DER GESELLSCHAFT
Schwieriger wird es bei Bands wie Cannibal Corpse, deren beschriebene Gewaltdarstellungen weit weniger eindeutig sind. Von diesen Fällen gibt es auch einige in Deutschland. Das bekannteste Beispiel hierzulande ist die Dark-Metal-Band Eisregen. Drei ihrer Alben finden sich derzeit auf dem Index wieder. Die Texte, die allesamt der Feder von Sänger Michael Roth entstammen, seien laut BPJM-Urteil grausam, menschenverachtend, frauenfeindlich und verrohend – ein Urteil, über das Roth, selbst verheiratet und Vater von zwei Kindern, nur müde lächeln kann. „Natürlich sind die Texte offensiv, aber das ist ja nur eine Reaktion auf den Zustand der Gesellschaft“, erklärt der Sänger. „Wenn man die Nachrichten anschaltet, dann sieht man vieles, was schlimmer ist als die textliche Aufarbeitung dessen. Unsere Gesellschaft steht meiner Meinung nach nur noch zwei Meter vom Abgrund entfernt und der Künstler reagiert immer nur auf die aktuelle Lage und verarbeitet so etwas auf seine Weise. Dass ich offensive Texte schreibe, ist doch eine Reflektion der Gesellschaft, nicht die Wurzel der Missstände“, so Roth, der die Eltern in ihre Pflicht ruft. „Texte können nicht schädlich sein. Eine solche Schädigung hat andere Ursachen. Ich habe selbst zwei Kinder und weiß, was ich denen zutrauen kann und was nicht. Es gibt harmlose Eisregen-Songs, die ich denen vorspielen kann und andere Songs, die natürlich nichts für sie sind. Unsere Texte sind natürlich für Erwachsene oder reifere Jugendliche gedacht. Hier stehen die Eltern in der Verantwortung, ihren Kindern richtige Medienkompetenz beizubringen. Aber viele Eltern machen es sich einfach. Die schieben ihre Kinder vor den Fernseher ab. Von solchen Situationen geht die Hauptgefahr aus, nicht von einer Band wie Eisregen, die sich an ein Publikum richtet, das mit unseren Texten umgehen kann.“ In diesem Punkt unterscheidet sich Roths Ansicht gar nicht mal sonderlich von den Ansichten von Elke Monssen-Engberding. „Medienschutz muss natürlich auch medienpädagogische Bemühungen tragen. Der Jugendmedienschutz dient dazu, die Eltern bei ihrer Erziehung zu unterstützen“, ist sich die Vorsitzende der Bundesprüfstelle sicher. Und auch Alex Webster von Cannibal Corpse sieht vor allem die Eltern in der Verantwortung. „Ich kann es verstehen, dass die Eltern unser Platten-Artwork nicht bei ihren jungen Kindern sehen wollen. Aber das ist doch noch lange kein Grund dafür, dass sich die Regierung einschaltet und sagt, was erlaubt ist und was nicht“, so der Bassist, der sich nicht zu Unrecht ärgert. Immerhin erfährt eine Band für jedes Album, das auf dem Index landet, finanzielle Einbußen, die es in Zeiten der ohnehin kriselnden Musikwirtschaft nicht leichter machen, sich als Band über Wasser zu halten.

POLITIK ODER UNTERHALTUNG?
Es ist jedoch ein weit verbreiteter Mythos, dass man ein indiziertes Album nicht mehr käuflich erwerben kann. Kommt ein Antrag bei der BPJM durch, ist in erster Linie nur damit gemeint, dass das Album für Jugendliche unzugänglich gemacht werden muss. Ein Verkauf ist jedoch nicht illegal. Da diese Werke aber nicht beworben werden dürfen und meist unter den Ladentheken Staub ansetzen, gestaltet sich der Absatz solcher Alben als überaus zäh, wie Roth berichtet. Ein wirkliches Verbreitungsverbot tritt erst in Kraft, wenn festgestellt wird, dass es sich bei dem indizierten Objekt um einen Straftatbestand handelt. Dies prüft der Gesetzgeber, wenn die BPJM eine entsprechende Empfehlung ausspricht, so geschehen im Falle von Eisregen und ihrem indizierten Album „Krebskolonie“, das sich aufgrund dieser Empfehlung auf der sogenannten Liste B befindet. „Ich musste damals bei der örtlichen Polizeidienststelle vorsprechen, um klarzustellen, dass sich auf dem Album keine verfassungsfeindlichen Inhalte befinden. Natürlich wurde das auch sofort anerkannt, aber in dem Moment, in dem man seine Kunst vor der Polizei als solche verteidigen muss, kommt man sich als Musiker doch ziemlich fremd vor“, berichtet der 39-jährige Sänger, der es obendrein als Beleidigung für seine Texte empfindet, dass sich diese auf Liste B neben einer Vielzahl rechtsextremer Songtexte einreihen müssen.
Mit den durchaus morbiden Texten sind die Eisregen-Alben ein Außenseiter auf den Listen der BPJM. Rund 80 Prozent aller Indizierungen, so schätzt Elke Monssen-Engberding, würden dem rechtsextremen Lager entspringen. Bei diesen leugnet selbst ein Zensur-Gegner wie Michael Roth nicht, dass eine staatliche Kontrolle nicht unbegründet ist. Ein Widerspruch zu den eigenen Ansichten? In seinen Augen nicht. „Eine rechtsextremistische Band, wie beispielsweise Landser, sind ja in dem eigentlichen Sinne keine Band, die einen Kunstgehalt erschaffen wollen. Die instrumentalisieren die Musik, um politische Botschaften zu verbreiten. Da muss man unterscheiden zwischen Bands, die unterhalten und Bands, die versuchen Politik zu betreiben. Landser sind ein Politikum. Eisregen eine Band, die unterhalten möchte“, erklärt Roth. Doch so nachvollziehbar diese Begründung vielleicht sein mag, verdeutlicht sie doch auch den schmalen Grat, auf dem diese Argumentation wandelt. Denn wer ist schon berechtigt, darüber zu urteilen, welche Band unterhalten möchte und ab wann politische Botschaften verbreitet werden?
www.fleischhaus.de
www.cannibalcorpse.net
www.bundespruefstelle.de

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Metalfest 2011: 4 Bands bestätigt

Oktober 22nd, 2010

Vor kurzem wurde Cradle Of Filth für das Metalfest 2011 bestätigt. Nun wurden vier weitere Bands zum Line-Up hinzu gefügt.

Beim Metalfest werden Arkona (mit Album Release Show), Eisregen, Watain und Excrementory Grindfuckers mit dabei sein.

Das ergibt folgendes Billing:

SABATON

CRADLE OF FILTH

ARCH ENEMY

EQUILIBRIUM

WATAIN

EISREGEN

DESTRUCTION

ARKONA

BELPHEGOR

SUICIDAL ANGELS

THAUROROD

KALMAH

EXCREMENTORY GRINDFUCKERS

Quelle: www.de.metalfest.eu

Eisregen mussten Auftritt in Memmingen absagen

Oktober 20th, 2010

Interview mit Michael Roth (Eisregen)Nachdem es bereits im Vorfeld zu Querelen mit der Stadt Memmingen gekommen war, mussten Eisregen ihren für den 15. Oktober geplanten Auftritt in Memmingen absagen. Laut einem Bericht der Augsburger Zeitung habe der Stadtrat sich daran gestört, dass eine Band, die mehrfach auf dem Index vertreten ist, in einem Jugendzentrum spielt.

Michael Roth, Sänger der Band, veröffentlichte im Forum der Band folgendes Statement:

„Einigen CSU-Politikern sind wir wohl ein arger Dorn im Auge: unter dem Deckmantel des Jugendschutzes wurde ein Stadtraatssitzung zur Absetzung der Show im Vorfeld abgehalten, bei der sich sogar der OB der Stadt Memmingen für eine Durchführung des Konzertes aussprach.

Da ohnehin eine Show ohne Indexmaterial geplant war & es keine rechtliche Handhabe zum Verbot gab, wurde schlichtweg mit Erpressung gedroht: da das Kaminwerk Fördermittel erhält & die Verträge in Kürze auslaufen, wurde angekündigt, diese Gelder zukünftig zu streichen, was die Schließung des Clubs zur Folge hätte.

Kaminwerk-Vorstand Matthias Ressler, selbst aktiv in der Kommunalpolitik, hat alles Menschenmögliche getan, um die Show stattfinden zu lassen: aber gegen eine derartige Form unverhohlener Erpressung ist auch er machtlos & die Show musste abgesetzt werden.“

Quelle: Massacre Records

CD-Review: Eisregen – Schlangensonne

Juni 22nd, 2010

Black Metal

EISREGEN
Schlangensonne
11 Songs (52:36) / erschienen am 21.5. (Massacre|Soulfood)

Juhu, endlich Neues aus Thüringen! Wenn mir eine solche Meldung so was wie Freude abringt, dann kann es nur eines bedeuten: ein neuer Eisregen-Release steht bereit. Aus der Vorfreude wird beim Hören von „Schlangensonne“ dann auch gewohnt schnell purer Spaß, die Jungs um Michael „Blutkehle“ Roth sind einfach eine Klasse für sich. Allgemein wirken Eisregen zunehmend gewachsen und die sozialkritische Komponente ihrer nach wie vor herrlich obszönen und provokativen Texte wird mit jedem Album hörbarer. Ansonsten ist im Thüringer Wald im Grunde alles beim Alten – und das ist, verdammt noch mal, auch gut so. Ohne die herrlich gutgelaunten Keyboardparts, den Hauch von Klassik und die eingestreuten Schunkelklänge wäre alles doch nur halb so schön. Im Übrigen wirkt die Scheibe auf mich wieder etwas garstiger als seine Vorgänger, also doch ein wenig „Back To The Roots“, was neben den diesmal durchweg überzeugenden Songs ein weiterer Pluspunkt ist. Ob jemals der Tag kommt, an dem ich mich uneingeschränkt mit Herrn Roths cleanen Vocals anfreunden kann, bleibt zwar weiterhin fraglich, da das Drama diesmal allerdings nicht allzu sehr Überhand nimmt, mindert es meinen Spaß an der Platte nicht im Geringsten. Fest steht, dass heuer der Jugendschutz wieder ein ergiebiges Untersuchungsobjekt vor sich liegen hat und sollte da wider erwarten ein Eisregen-Fan beschäftigt sein, wird er seine wahre Freude haben!
8 / 10 (Miriam Görge)

Interview: Eisregen (Titelstory)

Juni 21st, 2010

Interview mit Michael Roth (Eisregen)

Weil Jesus stinkt…!

Von der BPJM gefürchtet, von Black-Metal-Hardlinern gehasst und von ihrer stetig wachsenden Fanschar vergöttert: EISREGEN sind das Musterbeispiel für eine Band, die die Gemüter spaltet. „Schlangensonne“ heißt das frische Werk der Thüringer. Sänger und Texter Michael „Blutkehle“ Roth im Gespräch über provokative Texte, den musikalischen Schritt zurück und die Frage, warum Jesus auf dem Cover Titten hat.

Interview: Dorian Gorr | Fotos: Massacre Records

Michael, korrigiere mich, sollte ich mich irren, aber ihr geht mit „Schlangensonne“ musikalisch einen ziemlichen Schritt zurück. Das neue Album ist sehr viel mehr Metal als die vergangenen Werke. Empfindest du das auch so?
Ja, da hast du Recht. Allgemein hat die Härte der Riffs zugenommen. Nicht unbedingt von der Geschwindigkeit her, sondern vom Gesamtkonzept. Wir wollten wieder etwas dreckigere  Gitarren haben, dadurch wirkt der Gesamteindruck des Albums härter.

Aber das betrifft ja nicht nur die Gitarren. Auch dein Gesang ist über die meisten Teile des Albums wieder sehr viel aggressiver. Natürlich haben wir typisch melodische Ausbrüche, aber allgemein schreist du mehr als vorher.
Ja, das stimmt auch. Ich rauche wieder. Vielleicht liegt das daran. So etwas macht die Stimme ja ein bisschen radikaler. Aber das war durchaus geplant. Wir wollten stimmlich wieder an Härte zulegen. Der Hintergrund ist der: Yantit und ich machen uns gerade an die Arbeiten für ein neues Nebenprojekt, das auf den Namen Marienbad hören wird. Dieses Projekt wird eine andere Schiene fahren, denn ich möchte, dass es sich von all den anderen Sachen, die wir bisher gemacht haben, unterscheidet. Dort werden beinahe ausschließlich cleane Vocals eingebunden. Dafür wollten wir uns diese cleanen Parts aufsparen. Gleichzeitig wird somit der harte Charakter Eisregens gewahrt – immerhin ist es das, was Eisregen groß gemacht hat: Deutsche Texte, die in dieser radikalen Stimmlage gesungen werden.

Marienbad wird ein weiteres Projekt von vielen sein, die ihr in der Vergangenheit auf die Beine gestellt habt. Spontan fallen mir da natürlich der Transilvanian Beat Club von Yantit und natürlich Eisblut ein. Inwiefern bedarf es da nach einem weiteren neuen Banner?
Dieser neue Name ist notwendig, weil die Musik, die wir mit Marienbad veröffentlichen wollen, zu keinem der vorherigen Projekte passen würde. Eisblut hat ja mehr die Prügelschiene bedient. Das passt nicht zu Marienbad. Dort wird es viel mit Orchestrierung geben, die Songs werden getragener und wahrscheinlich auch länger. Das wird sehr elegisch. Eisblut ist derweil auch eingeschlafen, weil ich kein Interesse daran habe, ein weiteres, aggressives Prügelalbum zu veröffentlichen. Außerdem bin ich nach wie vor sehr zufrieden mit dem Debüt. Ich sehe da schlichtweg keinen Handlungsbedarf, ein weiteres Album nachzuschieben, auch wenn das Debüt sehr erfolgreich war. Der Transilvanian Beat Club von Yantit liegt ebenfalls auf Eis und scheint weitgehend abgeschlossen zu sein. Grundsätzlich habe ich jetzt auch endlich genug Zeit für solche Projekte, da ich seit zwei Jahren hauptberuflich nur noch Musik mache. Da kann man sich um mehr solcher Sachen kümmern und sich da die notwendige Zeit nehmen. Die war früher nicht immer da, weil ich neben der Musik noch arbeiten ging.

Was war der ausschlaggebende Grund dafür, dass du dich dazu entschieden hast, hauptberuflicher Musiker zu sein?
Das kam für mich ganz natürlich. Eisregen sind konstant gewachsen und werden größer und größer. Ich war hauptberuflich Drucker. Und das kann einen kaputt machen, wenn man unter der Woche immer arbeitet und Sachen für die Band organisieren muss, um dann das komplette Wochenende für die Musik unterwegs zu sein. Da bleibt keine Freizeit. Irgendwann sah ich mich einfach gezwungen, eine Entscheidung zu fällen: Weiter auf den Beruf konzentrieren oder eben nur Musik machen. Ich habe die richtige Entscheidung getroffen, die ich bisher noch kein einziges Mal bereut habe.

Und finanziell ist das kein Problem?
Nein, das passt schon. Es lässt sich davon leben. Natürlich kann man keine übermäßig großen Schritte machen, wenn man diese Form von Musik macht, aber es lässt sich meiner Familie gegenüber verantworten, dass ich diese Entscheidung getroffen habe.

Dein weiteres Standbein sind dann in dem Fall auch Marienbad, zu deren Musik dann ja auch scheinbar der Projektname wunderbar passen wird. Marienbad ist alleine vom Klang her unglaublich ruhig und ein sehr weiches Wort. Wie kamst du auf diesen Namen?
Der Name basiert auf einer realen Geschichte. Es gibt ein tschechisches Dorf, dessen deutscher Name so lautet. Dieses Dorf wurde in den Sechzigern geflutet und ging im Zuge dessen komplett unter. Und das Thema hat mich sehr fasziniert – auch weil meine Großeltern aus der Gegend stammen. Durch dieses Ereignis wurden viele Mythen und Legenden aufgearbeitet. Das fand ich sehr interessant für ein Konzeptalbum, auf dem sich gleichermaßen Fiktion wie Realität wiederfinden lassen. Das lyrische Konzept ist sehr interessant.

Wird es ähnlich wie bei Eisregen, sprich provokativ und schockierend?
Nein, das wird in eine ganz andere Richtung gehen. Wir behandeln dabei viele wirklich überlieferte Legenden, die kann man nicht einfach extrem ausschmücken und das würde auch überhaupt nicht zu den Klängen des Projekts passen. Natürlich finden sich unter diesen Legenden jede Menge düsterer Sachen und die haben wir uns natürlich herausgepickt. Das ist ganz klar. Demnach wird es auch für den typischen Eisregen-Fan sehr interessant, denn er kann das mal von einem anderen Spektrum aus erfassen. Es gibt Horror-Elemente, aber der Splatter-Aspekt fehlt.

Texte sind ohnehin ein gutes Stichwort. Die Texte eures neuen Albums werden nicht mehr abgedruckt. Beugt man mit dieser Maßnahme tatsächlich der immer drohenden Gefahr der Indizierung vor?
Wir sind damit in der Tat bisher sehr gut gefahren. Bei „Blutbahnen“ hatten wir die Verhandlung mit der BPJM und haben uns einmal intensiv mit diesem Gremium auseinandergesetzt. Es war schön, dass auch sie den künstlerischen Aspekt diesmal in den Vordergrund gestellt haben, sodass „Blutbahnen“ nicht indiziert wurde. Dabei wollten wir es aber noch nicht belassen, sondern wir haben uns mit diesen Leuten hingesetzt und geschaut, wie wir dafür sorgen können, dass beide Parteien zukünftig etwas glücklicher sind. Und dabei sind wir darauf gekommen, die Texte einfach nicht mehr komplett abzudrucken, um da die Angriffsfläche seitens der Behörden zu minimieren. Das ändert natürlich nichts an der Aussagekraft der Texte, die verändern sich dadurch ja nicht. Und wenn man möchte, findet man sie ohnehin im Internet, weil man meine Texte ziemlich gut heraushören kann. Zusätzlich haben wir diesen Aufkleber auf das Cover geklebt, auf dem wir warnen, dass labile Menschen sich zweimal überlegen sollten, ob sie sich diese CD holen. Der ist natürlich irgendwo Promotion, aber kann natürlich eine Abschreckung für labile Menschen sein, im Zweifelsfalle, wenn sie nicht sicher sind, ob sie die Texte verkraften, nicht zu dieser CD zu greifen.

Glaubst du, dass Eisregen von vielen Labilen gehört werden?
Ich glaube, dass es generell sehr viele labile Menschen gibt. Aber dass Eisregen auf diese Leute einen Einfluss haben, das glaube ich eigentlich eher weniger. Wir sind in dieser Welt ohnehin an einem Punkt angekommen, an dem niemand mehr normal ist. Diese Beschreibung trifft doch auf kaum jemanden mehr zu. Jeder hat seine Ticks oder Spleens. Da braucht es keine Band wie Eisregen, damit sich Menschen in eine radikale Ecke gedrängt sehen und aggressiv werden. In meinen Augen ist Metal eher ein Ventil für Aggressionen. Diese werden auf positive Art und Weise herausgelassen. Das sehen viele Leute leider nicht. Durch extreme Kunstformen, egal ob Filme oder Musik, können Taten vermieden werden, weil die Aggressionen vorher in positive Bahnen gelenkt werden. Ich denke eher, dass Eisregen keine Verrückten anstiftet, sondern eher dafür sorgt, dass es vielen Menschen besser geht.

Wir sprechen viel über die Texte im Allgemeinen. Lass uns doch mal einen detaillierten Blick auf einzelne Beispiele werfen. Beim Opener „N8Verzehr“ ist mir aufgefallen, dass ausnahmsweise einmal eine Frau der Täter in einem deiner Texte ist. Das ist doch ungewöhnlich oder?
Das gab es aber auch schon vorher, beispielsweise bei „Frischtot“ auf „Blutbahnen“. „N8Verzehr“ beschäftigt sich mehr mit der Hänsel- und Gretel-Thematik, allerdings interpretiere ich das sehr neuzeitlich und frei. Bei den Verhandlungen mit der BPJM war auch das mein Argument: Die meisten deutschen Märchen basieren auf sehr schockierenden, radikalen Geschichten. Hänsel und Gretel hat beispielsweise eine starke Verbindung zu Kannibalismus. Das habe ich umgesetzt und modern ausgestaltet. Aus dem Grund ist auch eine Frau der Täter. Grundsätzlich hast du aber Recht, dass die Täterrolle üblicherweise männlich ist. Das gehört zu diesem Genre irgendwie dazu.

Die Texte sind diesmal keinesfalls alle ausschließlich unterhaltend oder schockierend, sondern zum Teil auch sehr ernst. „Auf Ewig Ostfront“ befasst sich beispielsweise mit dem Krieg. Das ist kein Horror, das ist kein Splatter, da geht es um Krieg und um gefallene Soldaten. Geht man ein solches Thema mit mehr Vorsicht und Fingerspitzengefühl an?
Das versuche ich zumindest. Die Kriegsthematik hatten wir ja bereits bei „Eisenkreuzkrieger“. Ich finde schon, dass „Auf Ewig Ostfront“ in die Richtung Horror-Genre geht, aber „Der Tod senkt sich herab“ ist beispielsweise eine sehr ernsthafte Thematik und befasst sich mit dem Bombenangriff auf Dresden. Diese Geschichte hat mich sehr interessiert. Die Frage, wie sich die Leute wohl gefühlt haben müssen. Horror ist zum Teil auch blanke Realität, von daher passte dieses Thema sehr gut zu Eisregen. Natürlich gibt es Texte, wie damals „17 Kerzen am Dom“ (der Song behandelt den Amoklauf in Eisregens Heimatstadt Erfurt – dg), die versucht man ohne jede Form von schwarzem Humor zu schreiben, um die Leute auf den Ernst des realen Hintergrunds hinzuweisen.

Besteht da nicht auch die Gefahr, dass die Leute nicht erkennen, dass man dieses eine Mal nicht mit schwarzem Humor arbeitet?
Das glaube ich nicht. Man sollte die Menschen auch nicht unterschätzen. Die verstehen das. Letztlich bleibt es natürlich Unterhaltung, aber eben mit einem ernsten Hintergrund.

Der Song „Das Allerschlimmste“ ist eine wahre Hasstirade auf eine nicht näher identifizierte Person. Stand diesem Song eine reale Person Pate?
Ja, das kann man so sagen. Jeder Mensch kennt diese Gefühle. Man trifft im Leben einfach auf Menschen, bei denen man sich nur fragt, womit die das Leben verdient haben. Und man kann nichts dagegen machen, dass man eine solche Mordswut hat. Das kennt jeder. Das Lied ist diesbezüglich natürlich bewusst überstilisiert, dahingehend, dass sich die Gewaltfantasien immer weiter in brutalere Wünsche hineinsteigern.

Diente dir dieser Song als Katharsis? Konntest du dich dadurch abreagieren?
Ja, schon. Es hilft einem oft, Lieder zu schreiben. Dadurch werden negative Energien in etwas Positives verwandelt und es entstehen interessante Songs.

Mit dem Song „Zauberelefant“ rechnest du laut Promozettel mit der Feeder-Szene ab. Das klingt so, als sei es ein lang gehegter Wunsch von dir gewesen.
Ja, das stimmt. Ich hatte mir den Film „Feed“ angesehen und konnte eigentlich kaum fassen, dass das tatsächlich auf realen Begebenheiten basiert. Wenn man dann im Internet recherchiert, findet man etliche Foren, wo genau das passiert. Wo der Wert der Menschlichkeit mit Füßen getreten wird. Da sind viele Menschen unterwegs, die selbst wenn man nicht nach Spießer-Maßstäben richtet, nicht zu tolerieren sind. Ich fand es sehr interessant, diese Szene in einem Text zu verarbeiten. Diese Szene ist größer als man denkt – vor allem in den USA. Interessanterweise ist dabei die Rollenverteilung immer die gleiche. Der Mann ist immer derjenige, der füttert und die Frau diejenige, die gemästet wird. Diese Beziehung wird komplett vereinnahmt. Die Frauen können das Haus nicht mehr verlassen und sterben schließlich an Verfettung. Das ist eine unfassbar radikale Form, um seine Fetische auszuleben. Da es sehr morbide ist, hat es außerdem gut zu Eisregen gepasst.

Weiterhin wird in dem Song „Blute Aus“ die Cutting-Szene behandelt. Ihr bezeichnet diesen Trend als Unsitte, der Text wiederum ist jedoch so abstrakt, dass ich glaube, dass ihn kaum einer als Anti-Statement verstehen wird oder?
Das stimmt. Er ist sehr metaphorisch zu sehen. Ich habe bei unseren Konzerten schon Leute gesehen, die entsprechende Narben, teilweise noch frische, hatten. Da fragt man sich immer, warum diese Leute das tun, warum sie sich freiwillig Schmerzen zufügen. Mein Gedanke war, dass diese Leute diesen Kinderkram lassen würden, wenn sie einmal wirklichen Schmerz erfahren würden. Sich in unserer Wohlstandsgesellschaft freiwillig Schmerzen zuzufügen, ist doch absolut absurd.

Die abstrakten Texte gefallen mir sehr gut. An anderer Stelle empfinde ich die Provokation diesmal als zu plakativ, beispielsweise bei „Kai aus der Kiste“. Hätte man dieses doch sehr ernste Thema nicht nachdenklicher, abstrakter verpacken können?

Ich bin mit dem Kai sehr zufrieden. Die sozialkritische Komponente habe ich da bewusst gering gehalten. Der Auslöser dafür war, dass es hier diese Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ gibt, wo man Kartons mit Spielsachen in die Dritte Welt verschickt. Gleichzeitig kam dieser Skandal raus, dass in Österreich eine junge Frau 19 Jahre lang im Keller festgehalten wurde. Und das war nur einer von vielen Fällen. Diese Menschen sind dazu gezwungen auf engstem Raum zusammenzuleben. Das wollte ich kombinieren und in einem Lied zusammenfassen – mit sehr viel schwarzem Humor. Viele unserer Fans sehen das als das stärkste Lied des Albums an, trotz der fast balladesken Umsetzung.

Meine Frage zum Abschluss, weil ihr es so schön im Bonus-Track anschneidet: Warum hat Jesus auf dem Cover Titten?
Nun, die Schlangensonne ist ein Synonym für die Falschheit der Gesellschaft. Die Schlange gilt ja allgemein als falsches, hinterlistiges, heimtückisches Wesen. Das lässt sich leicht auf die religiöse Seite projizieren, weil viele Menschen dieses Erlöserbild von Jesus im Kopf haben – ein sehr männliches Bild. Wir empfanden es als wunderbare Provokation, Jesus einmal mit ein paar weiblichen Attributen auszustatten. Das war Yantits Idee und passte perfekt zum gesamten Album. Obwohl „Schlangensonne“ vorher geschrieben war, konnte man diese beiden Parts perfekt miteinander kombinieren. Und im Bonus-Track liefern wir ja letztlich die Erklärung dafür, warum Jesus wirklich Brüste hat: Weil Jesus stinkt!

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