
Eine allmächtige Naturgewalt
Fernab von stumpfer Satans-Thematik, Neu-Heidentum oder okkulten Riten nehmen GEIST auf ihrem aktuellen Album „Galeere“ einen Themenkomplex besonders ins Visier: Die unendliche Weite, Tiefe und Mystik des Meeres. Bassist und Bandgründer Alboin erklärt seine Faszination.
Text: Dorian Gorr | Foto: Prophecy
Der gemeine Metaller kennt Wasser maximal als Hilfsmittel, um sich nach einem Festivalwochenende die Schlammkrusten vom Oberkörper zu entfernen oder auch als notwendiges Element zum Bier brauen. Dass Wasser nicht nur der Ursprung des Lebens, sondern auch eine allmächtige Naturgewalt darstellt, das rufen einem Geist in Erinnerung. Die Black-Metal-Band aus Bielefeld hat sich auf ihrem aktuellen Album „Galeere“ der Thematik des Meeres angenommen.
„Ich bezeichne das Album bewusst nicht als Konzeptalbum. Wir erzählen keine zusammenhängende Geschichte. Stattdessen werden verschiedene Aspekte des Meeres dargestellt. Man könnte von einer atmosphärischen Thematik sprechen. Es sind viele Facetten eines Bildes, das ich vor meinem inneren Auge habe, wenn ich an das Meer denke, und das so ähnlich aussieht wie das Cover des Albums. All diese Facetten muss man zusammenfügen, dann ergeben sie ein atmosphärisches Gesamtbild“, erklärt Chefdenker und Bassist Alboin den kleinen aber feinen Unterschied zwischen einem Konzept und einer thematischen Ausrichtung.
Und Geist haben keine Mühen gescheut. Nicht nur, dass die Musik mit viel Vorstellungskraft einen gewissen nautischen Charme hat und mit verschiedenen Samples gearbeitet wurde, auch die restliche Ästhetik der Band wurde diesem Thema angepasst. So zeigen sich die Musiker auf ihren neuen Bandfotos halb erfroren in Seemannsuniformen.
„Mich fasziniert an dem Thema diese Weite, die Verlorenheit, die das Meer ausstrahlt. Und auch die Stille. Man muss sich nur einmal vorstellen, wie es sich wohl anfühlt, wenn man 4000 Meter unter Wasser ist, wie unglaublich still es dort sein muss“, versucht Alboin seine Faszination für die endlosen Weiten der Ozeane in Worte zu fassen.
Thematisch habe man sich jedoch nicht nur auf persönliche Empfindungen gestürzt, sondern auch geschichtliche Themen verarbeitet.
„Der Song ‚Helike‘ erzählt die Geschichte der gleichnamigen Stadt, die faktisch untergegangen ist. Mich hat auch hier die Tatsache, dass eine Stadt im Meer untergeht, unglaublich interessiert und fasziniert, denn es verdeutlicht, was für eine Allmacht Wasser ist. Wasser wird als etwas archaisches, zerstörerisches dargestellt, als eine Naturgewalt. Ich bin mir sicher, dass diese Faszination auf menschliche Urängste vor Wasser, dem Ertrinken und dieser unkontrollierten Macht zurückgeht. So etwas ist sehr tief in uns verwurzelt“, ist sich der Bassist sicher.
Bei der Umsetzung des Themas in den verschiedenen Bereichen stand die Band zu ihrem Glück nicht alleine dar. Mit Prophecy Productions hat die Band eine neue Labelheimat gefunden, mit der sie sehr zufrieden ist.
„Wir haben in der Tat nach jedem vorherigen Release das Label gewechselt, aber das wird sich nun ändern. Wir haben mit Prophecy einen Vertrag über fünf Alben abgeschlossen. Das Label ist unglaublich professionell und sie haben uns sehr viel Arbeit abgenommen. Vorher musste ich mich noch um unzählige andere Sachen kümmern, jetzt wurde mir bei so Sachen wie Artwork oder Bandfotos unter die Arme gegriffen, weswegen man sich auf das konzentrieren kann, was wirklich zählt: die Musik“, lobt Alboin die neue Heimat.
Verbunden mit dem Vertrag mit Prophecy war auch die Möglichkeit, dass die Band bei Markus Stock, dem Hausproduzenten des Labels, aufnehmen konnte.
„Für mich war das ein langjähriger Wunsch, der endlich in Erfüllung ging. Schon in früheren Interviews kann man nachlesen, dass ich seit jeher gehofft hatte, einmal eine Platte bei Markus aufzunehmen, da ich von einer Mini-CD von Sun Of The Sleepless begeistert war. Hinzu kommt, dass wir beide uns ganz fantastisch verstehen und eine ähnliche Philosophie haben. Davon abgesehen ist er ein absoluter Profi, der zielgerichtet, verständnisvoll und immer ruhig bleibt“, schwärmt der Basser von dem Aufenthalt im Studio B.
Die rohe Black-Metal-Essenz, die das Vorgängeralbum „Kainsmal“ noch inne hatte, haben Geist damit hinter sich gelassen und begeben sich auf einen Pfad der druckvolleren, geschmeidigeren, aber auch erfreulich kalten Produktion.
„Die beiden vorherigen Alben produzierten wir selbst, da kann nicht das gleiche Ergebnis wie bei einem Profi herauskommen. Uns reichte das aber so nicht mehr. Wir werden auch unsere beiden vorherigen Alben, ‚Patina‘ und ‚Kainsmal‘, neu abmischen. Ich kann es nicht ertragen, zu wissen, welches Potenzial in diesen Songs steckt, und dass Außenstehende diese Songs nicht so hören können, wie es möglich sein sollte. Deswegen werden wir im Frühjahr ein Boxset herausbringen“, kündigt er an.
Der Blick in die Zukunft
Erst danach wird sich die Band an ein neues Album setzen, für das schon einige Pläne stehen. Erneut soll es um ein Thema gehen, das sehr stark mit menschlichen Urängsten verknüpft ist. Details möchte Alboin jedoch nicht verraten.
Fest steht jedoch, dass die Band zu dem Zeitpunkt ohne ihren jetzigen Keyboarder Faruk darstehen wird.
„Faruk schließt gerade seinen Doktor in Chemie ab und wird danach wegziehen, wodurch es zeitlich und von der Entfernung her unmöglich werden wird. Das ist sehr schade für uns, denn er ist ein toller Allround-Musiker und sehr visionärer Typ, der die Band immer bereichert hat“, gesteht Alboin.
Dennoch kann die Band voller Zuversicht in die Zukunft blicken. „Galeere“ ist das erste Album, das es über einen regulären Vertrieb bis in die Regale der Plattenläden schaffte und somit einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich ist. Wohin Geist noch wollen und ob sie das Potenzial haben, um die Lücke, die Bands wie Nocte Obducta, Nagelfar und Lunar Aurora hinterlassen haben, zu füllen, das wird die Zukunft zeigen.
„Ob wir einmal die Spitze der Szene sein werden, das haben wir nicht zu entscheiden. Wir sind Teil einer neuen Generation, deren Alben vor zehn Jahren teilweise wie eine Bombe eingeschlagen hätten. Heute verliert sich das alles in den Weiten des Internets. Deswegen glaube ich, dass es große Szenespitzen nicht mehr geben wird, sondern sich alles stärker verteilt.“
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Tags: Alboin, Galeere, Geist, Interview
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