
Und sie leben doch!
In unserer Titelstory #48 berichteten wir über die bevorstehende Tour von KYUSS LIVES!, die mit drei von vier Kyuss-Musikern so nah an das Original herankommen, wie es sonst keine Band mehr tun wird. In diesem Gespräch enthüllte John Garcia auch, dass er die gesamte Tour eher als Promotion-Aktion für sein kommendes Soloalbum sieht. Die Fans scheint das nicht gestört zu haben, viele der Shows waren ausverkauft. METAL MIRROR traf sich in Köln mit dem Kyuss-Mastermind und verbrachte einen nostalgischen Abend.
Text & Fotos: Dorian Gorr
Aus seiner Motivation hat John Garcia nie ein Geheimnis gemacht. Die Quasi-Reunion von Kyuss soll ein Sprungbrett sein, seine Fahrkarte in eine erfolgreiche Solokarriere. Schamlos nutzt er die Popularität seiner einstigen Band, um sich selbst wieder ins Gespräch zu bringen. Ein Aufschrei unter den Fans blieb dennoch aus. Im Gegenteil: Die Konzerte von Kyuss Lives! waren zu weiten Teilen binnen kurzer Zeit ausverkauft. Kein Wunder also, dass der Großmeister des Stoner-Rocks ganz entspannt auf der schwarzen Ledercouch seines Backstage-Raums in der Kölner Live Music Hall sitzt. Etwas bulliger ist er geworden, der Sänger mit der markanten Stimme. Die Ausstrahlung ist jedoch unverändert: John Garcia ist unnahbar. Im ersten Moment nicht unbedingt sympathisch, leicht arrogant, selbstverliebt, aber eben mit dieser ruhig-lässig-coolen Fuck-Off-Attitüde, die so hervorragend zu seiner Musik passt. „Mir geht es super“, lässt John wissen. „Ich wurde mit tollen Musikern gesegnet, die mit mir jeden Abend Musik machen. Das ist die erfolgreichste Tour, die ich je gespielt habe. Es könnte nicht besser laufen!“
Doch bei aller Euphorie über das Glück, fast jeden Abend vor ausverkauftem Haus zu spielen sind und bleiben Kyuss Lives! ein Instrument. „Der Grund, warum ich das mache, ist nach wie vor Garcia Vs. Garcia, mein Soloprojekt. Ich muss dieses Album endlich rausbringen und diese Tour ist der beste Weg, um den Leuten zu zeigen, dass John Garcia noch lange nicht unter den Teppich gekehrt werden sollte. Ich bin noch da und mit Kyuss Lives! bringe ich mich bei den Leuten wieder ins Gespräch“, gibt John nach wie vor offen und ehrlich zu. Doch es hat sich etwas geändert: „Es ist in den vergangenen Wochen in der Tat etwas passiert. Ich und die anderen Musiker haben diese Verbindung gespürt. Dieses Gefühl möchte ich nicht mehr verlieren.“
Die Konsequenz: Nachdem Johns Soloalbum veröffentlicht wurde und auch Brant Bjork (Schlagzeug) und Nick Oliveri (Bass) ihre neuen Alben auf die Menschheit loslassen, soll in dem aktuellen Line-Up eine Platte von Kyuss Lives! aufgenommen werden.
Die erste Wahl
Ein gewisses Kalkül darf man dieser Planung vermutlich unterstellen, vor allem, wenn man bedenkt, wie gut die aktuelle Tour ankommt. Fast alle Konzerte ausverkauft, viele wurden in größere Hallen verlegt und etliche Zusatzshows gebucht – nicht nur musikalisch, sondern auch finanziell hat sich die Spin-Off-Band von Kyuss gelohnt. Möglich, dass ein Album in dieser Besetzung ähnliche Kreise ziehen würde. Doch würde ein solches Album dem Erbe von Kyuss gerecht werden? Keine Frage, John Garcia hat Songwriter-Talent, das er unter anderem bei Slo Burn unter Beweis gestellt hat, doch all die großen Kyuss-Hits schrieb Josh Homme, der aufgrund des anhaltenden Erfolgs von Queens Of The Stone Age für die Kyuss-Reunion nicht zur Verfügung stand. An seiner Stelle steht Bruno Fevery bereit, der sich im Backstage-Bereich gemütlich neben John niedergelassen hat und leicht verstrahlt (wir wollen mal annehmen aufgrund von Schlafmangel…) vor sich hin blinzelt.
Für seinen belgischen Neukollegen hat John nur gute Worte übrig. „Bruno war meine erste und einzige Wahl für diesen Job. Er schafft es, diese Songs mit dem Respekt zu spielen, den sie verdienen.“ Bruno nickt. „Ich war schon immer Kyuss-Fan. Manchmal trifft es mich noch mitten während einer
Show wie ein Schlag. Da spielt eine meiner Lieblingsbands und ich bin dabei. Total surreal“, verrät Bruno mit einem schelmischen Grinsen.
An das Leben auf so einer großen Tour habe er sich schnell gewöhnt. Und auch die restlichen Mitglieder probten im Vorfeld überaus intensiv (laut John einen Monat lang sieben Tage die Woche), um jeden Abend Höchstleistung zu bringen. „Wir haben hier einen Job zu erledigen, einen sehr angenehmen. Da will ich jeden Abend volle Leistung bringen. Klar, ich trinke nach der Show noch gerne meine Whiskey-Cola-Drinks, aber ich fange bestimmt nicht mehr mit Speed und Kokain an und bleibe die ganze Nacht wach“, so John, der vom Klopfen an seiner Backstage-Tür unterbrochen wird. „Dinner time“, flüstert der Promoter durch die halb geöffnete Tür. Damit endet die Audienz bei der Stoner-Rock-Majestät. Vor der Halle sammeln sich derweil die ersten Fans, in Vorfreude aufs Konzert.
Der Duft von Marihuana
Langsam wird es hektisch in der Kölner Live Music Hall. Burden dürfen zuerst ran, sehen sich aber noch einer eher überschaubaren Menschenmenge gegenüber. Mehrfach bittet Sänger Thorsten die Meute, doch etwas näher zu kommen und sich dem dröhnenden Stoner Metal hinzugeben. Weitgehend aber mit eingeschränktem Erfolg. Köln scheint noch nicht so richtig wach zu sein.
Die anschließenden Waxy trifft es jedoch noch härter. Backstage wird gemunkelt, dass sich John Garcia höchstpersönlich dafür eingesetzt habe, dass seine Kumpels aus Jugendtagen (die Band stammt wie Kyuss und viele andere Stoner-Größen aus der Palm-Desert-Szene) ihn mit auf seinem Trip nach Europa begleiten. Auf anderem Wege wäre die Band hier auch nicht gelandet. Langweiligster Stoner Rock inklusive übertriebenem Schweineorgel-Gedudel wird geboten. Kein Wunder, dass die Live Music Hall zwar mittlerweile aus allen Nähten platzt, die Anwesenden aber zu keinem Zeitpunkt einen Zweifel daran aufkommen lassen, dass sie ausschließlich auf Kyuss Lives! warten.
Eine Umbaupause später betritt der Großmeister des Stoner Rocks betont cool die Bühne. Sonnenbrille, die Haare zum Zopf gebunden, eine Kippe im Mundwinkel und gänzlich emotionslos stellt sich John Garcia dem Publikum, das schon beim Anblick des Rock-Gurus in frenetischen Applaus verfällt. „Gardenia“ macht mit schweren Bassklängen den Anfang. Die Masse hüpft zu den vibrierenden Schwingungen und setzt sich langsam in Bewegung. Nach Marihuana riechende Wolken werden aufgewirbelt, als „Thumb“ und „Hurricane“ nachlegen. Bei John Garcia reicht es immerhin zu einem angedeuteten Lächeln. Und auch der Zopf wird beim dritten Song gelöst. Dennoch: Garcia bleibt unantastbar. So nah und doch so weit weg. Und vermutlich macht auch das seinen Charme aus, diese „Fuck Off!“-Attitüde, die er so offen zur Schau stellt. Selbst wenn man sich an dieser vielleicht kalkulierten Arroganz stößt, zumindest stimmlich kann man John nicht einen einzigen Vorwurf machen. Wie auf Platte legt sich sein faszinierend-nöliges Organ über das satte Bass-Fundament. Eine Stimme, die man auch unter tausenden von Stimmen heraushört. Gepaart mit der Vielzahl an Klassikern, die die Band aus der Trickkiste zaubert, haben Kyuss Lives! leichtes Spiel. „100°“, „Spaceship Landing“, „Odyssey“ – die Liste der unvermeidbaren Hits, die ein ganzes Genre prägten, ach was: erfanden, ist lang, die Performance der Dreiviertel-Kyuss-Besetzung zwar nicht ekstatisch, aber so lässig wie die schwummerigen Riffs. Es passt schlichtweg alles zusammen. Das flotte „El Rodeo“ (während dem sich John Garcia mit einem filmenden Fan anlegt), das mitreißende „Supa Scoopa And Mighty Scoop“, der hypnotische „One Inch Man“ – bis hin zur abschließenden Granate „Green Machine“ reiht sich hier ein Hit an den nächsten. Vermisst wird nur das psychedelische „Demon Cleaner“.
Selbst Josh Homme fehlt nicht. Bruno Fevery ist eine hervorragende Homme-Kopie und lässt keine Kritik zu. Es scheint zwar utopisch, dass Kyuss Lives! in dieser Besetzung jemals wieder eine Platte aufnehmen werden, die mit den bisherigen Werken mithalten kann, aber ursprünglich hatte ja auch niemand damit gerechnet, Kyuss‘ großartige Hits noch einmal live dargeboten zu bekommen….
www.kyusslives.com

Tags: Interview, John Garcia, Köln, Kyuss, Kyuss Lives, Live
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