
Ein Besuch in der Hölle
In Oberhausen mischt seit einigen Jahren das HELVETE die örtliche Heavy-Metal-Szene auf und bietet einen Anlaufpunkt für alle Fans der härteren Gangart. Aus einer ehemaligen Brauerei hat Besitzer Predi einen Laden entwickelt, in dem Konzerte stattfinden, Metaller Cocktails trinken und Bands mit Eingeweiden um sich werfen.
Text: & Fotos: David Dankert
Welcher Liebhaber extremen Metals, der aus NRW kommt, kennt das Helvete nicht? Den „Siegeszug“, so möchte man die Geschichte des Helvetes beinahe nennen, den der Oberhausener Club seit seinem Start hingelegt hat, sucht nahezu seinesgleichen. Dabei lief der Start alles andere als glatt. „Beim ersten Mal sollte das Helvete in Dortmund am 1.9.2006 eröffnen, aber das Gebäude wurde einen Monat vor der Eröffnung zwangsversteigert. Wir hatten den Laden soweit fertig und mussten dann alles wieder rauskloppen“, erzählt Helvete-Chef Gregor „Predi“ Woitzik. Nach diesem ersten Misserfolg machte sich das Helvete-Gründungsteam, bestehend aus Predi, seiner Freundin sowie Lars (dem jetzigen Techniker), über ein halbes Jahr auf die Suche nach neuen Locations, bis man schließlich – eher als Notlösung – ein ehemaliges Brauhaus erwarb. Kompliziert war bei der Suche nach geeigneten Räumen vor allem das von Anfang an feststehende Konzept des Helvetes, das die Suche einengte: „Es gab nichts, wo man Konzerte und Pub trennen konnte. Alle Locations hatten immer nur einen Raum, aber darauf hatte ich keinen Bock. Weil wenn du ein Konzert hast, dann warten die Party-Leute draußen und das ist doof. Wir wollten einfach das machen, was wir selbst immer vermisst haben, wenn wir abends weggegangen sind.“
Billardtisch statt Kupferkessel
Das Konzept, Konzert-Location und Party-Pub strikt voneinander zu trennen, entstand schon in der Zeit vor dem Helvete, als Predi noch auf 400€-Basis in Kneipen jobbte und nebenbei Konzerte veranstaltete. Durch die Organisation eines der ersten Viking-Metal-Festivals, das Ultima Ratio, holte er schließlich genug Startkapital herein, um den Grundstein für das Helvete zu legen. Massiver Umbau war nötig: „Wir haben mit drei Leuten insgesamt anderthalb Jahre umgebaut. Da wo jetzt die Billardtische stehen, waren zwei riesige Kupferkessel. Unten im Keller wurde früher das Bier gebraut. Da mussten wir viele Wände herausreißen, um die Location zu vergrößern. Wir hatten Glück, dass der Vermieter da mitgespielt hat. Das Gebäude stand vorher ja sieben Jahre lang leer.“
Dass der Laden ursprünglich eine Brauerei war, davon zeugen heute kaum noch Überbleibsel. Im Gegenteil: Seit Mitte des Jahres steht sogar eine Cocktail-Bar im Helvete – ein spontaner Einfall von Predi. „Eigentlich wollten wir einen größeren Backstage-Bereich einrichten, aber wir hatten so viele Ideen und ich kam irgendwann darauf, eine Tikki-Bar zu bauen. An Pfingsten haben wir sie eröffnet.“
Die neue Idee verdeutlicht: das Helvete ist keinesfalls ein Minus-Geschäft – trotz der Auslegung auf die härteren Gangarten im Metal. Rund 20 Mitarbeiter, vom Kellner über den Security bis zum Tontechniker, beschäftigt Predi – eine Notwendigkeit, wenn man beinahe jedes Wochenende Konzerte veranstaltet und gleichzeitig den Pub geöffnet hat. „Wenn ein Konzert stattfindet, dann sind insgesamt circa 500 bis 600 Leute im gesamten Helvete verteilt, in den Konzertraum passen maximal 350 Leute. Wie voll es wird, da spielen natürlich noch einige Faktoren mit, wie Monatsende, Monatsanfang oder Konkurrenzveranstaltungen. Wenn beispielsweise das Wacken stattfindet, ist es hier natürlich auch leerer als sonst.“
Ein Problem, mit dem nahezu jeder Metal-Pub zu kämpfen hat. Über Besuchermangel kann sich Predi jedoch selten beklagen. Dennoch möchte man zukünftig noch mehr Leute ins Helvete locken. Demnächst stehen große Veränderungen an. Derzeit wird geplant, einen zweiten Konzertraum zu eröffnen, der nochmal 400 bis 500 Leuten Platz bieten könnte. Dadurch sollen größere Bands ins Helvete gelockt werden.
Große Namen haben allerdings auch schon jetzt den Weg ins Helvete gefunden: Predi konnte schon Bands wie Mayhem, Paul Di‘Anno oder Exciter zu Gigs im Helvete verpflichten. Verbesserungsbedarf sieht er dennoch. Auch eine Pension, die zum Helvete gehören soll, ist in Planung und soll vor allem den häufig anreisenden Niederländern einen Schlafplatz bieten, würde aber natürlich auch die Planung und Organisation von Konzerten und den dazugehörigen Bandunterkünften vereinfachen.
Maden und Eingeweide
Probleme ganz anderer Art gehören mittlerweile zum Alltag: Die Zusammenarbeit mit Musikern und Bands verläuft nicht immer reibungslos. Mayhems Auftritt kam beinahe nicht zustande, da der ursprüngliche Tourpromoter mit der kompletten Gage durchbrannte. Das Helvete rettete den Auftritt in letzter Minute, indem es selbst Flüge, Vans und Unterkunft organisierte, um die Tour nicht platzen zu lassen und das Schlimmste zu verhindern. Dies gelang allerdings nicht im Falle Denial Of God. Als die dänische Black-Metal-Institution vor einigen Jahren im Helvete spielte, schmissen diese während des Gigs mit Eingeweiden und Maden um sich. Als dann auch noch Besucher des Konzertes diese Eingeweide einsammelten, in Tüten einschweißten und selbige dann einen Monat später bei ihrem eigenen Gig im Helvete öffneten und wieder über dem Publikum entleerten, war das Chaos perfekt. „Die Bands danach konnten hier natürlich an dem Abend nicht mehr auftreten. Die Leute haben sich auch sofort verpisst, das hat so gestunken. Über einen Monat hat es trotz durchlaufender Lüftung und Desinfizieren gedauert, bis der Gestank hier raus war. Die haben sogar noch von den anderen Bands auf die Fresse bekommen, aber das ist ja auch klar, wenn du 400 Kilometer fährst, um ein Konzert zu spielen und es dann nicht geht, weil die erste Band mit so etwas herumschmeißt und das auch noch lustig findet.“
Ultima Ratio auf Eis
Predis Wunschliste an Bands, die er gerne einmal auf der Bühne des Helvetes sehen würde, ist trotz solcher Geschichten noch lange nicht abgearbeitet: So würde er immer noch gerne die Belgier Ancient Rites für ein Konzert verpflichten. Diese machen sich derzeit allerdings mehr als rar, sieht man einmal von ihrem Auftritt auf dem zweiten Ultima-Ratio-Festival ab. Das von Predi organisierte Festival liegt derzeit allerdings weiterhin erstmal auf Eis, da durch den großen Pagan-Hype die Preise für die Bands zu stark angestiegen seien. „Das Ultima Ratio war eigentlich ein Fanprojekt, von Fans für Fans. Kostengünstige Preise, Wikingerstripperin, Frei-Met und solche Geschichten und da haben sich auch viele Leute drüber gefreut, aber dann jetzt die Preise zu erhöhen wegen Konkurrenzveranstaltungen, das wollten wir nicht.“ Allerdings stellt Predi ein Helvete-Fest in Aussicht. Ob und wann dies jedoch starten wird, steht noch in den Sternen, zumal die Stadt Oberhausen nicht ganz so begeistert vom Heavy Metal ist, wie der expansionsfreudige Helvete-Chef selber.
Dass sich allerdings auch davon das Helvete-Team nicht abschrecken lassen wird, insbesondere Predi selbst, sollte ohnehin klar sein. Das Helvete ist scheinbar noch lange nicht am Ende der Fahnenstange angekommen. Ein Besuch im Helvete macht jedenfalls deutlich: der Slogan „Die Nr. 1 im Pott“, der über dem Eingang prangt, kommt bei weitem nicht mehr so überzogen herüber, wie es ursprünglich der Fall war.
www.helvete.de
Tags: Helvete, Oberhausen, Predi
Kategorie: | Keine Kommentare »