
Das Theater rockt hart
Aus dem Ruhrpott ist es genau so wenig wegzudenken wie Frittenbuden, Adiletten und Fußball: Im neunten Jahr ist das RockHard Festival abermals ausverkauft. Mit seiner zunehmend klassischen Ausrichtung zieht das Festival 7500 Besucher ins Gelsenkirchener Amphitheater. METAL MIRROR war vor Ort, berichtet von allen Bands und führte obendrein ein Interview mit Chef-Veranstalter Götz Kühnemund.
Tag 1, Freitag, 10. Juni
Alle Jahre wieder rockt das RockHard-Festival. Und jeder Festival-Anfang ist schwer und eine große Ehre für denjenigen, der eröffnen und die headbangwütige Meute das erste Mal zum musikalischen Buffet bitten darf. Diese Ehre wird dieses Jahr CONTRADICTION zuteil, die mit ihrem Oldschool-Thrash einen mehr als guten Job vollbringen. Mit Songs wie „Voice Of Hatred“, „Warchitect“, „Demon“ oder dem saftigen Abschluss „Nation Of Fear“ sind Amphitheatristen direkt richtig gepolt und knallhart eingestimmt.
Damit dem Publikum aber nicht gleich bei der zweiten Band die Puste ausgeht, bringen die chilenischen Doom-Metallisten PROCESSION eine direkte Entschleunigung ins Programm. Mit „Raven Of Disease“ oder „Chants Of The Nameless“ färben die Südamerikaner die Atmosphäre genauso düster wie den Himmel. Einher mit dem Auftritt geht nämlich eine kontinuierliche Verdunklung. Passend dazu ruft der Fronter dazu auf, sich bei dieser Atmosphäre auf keinen Fall Primordial entgehen zu lassen.
Mit dem Regeneinbruch rücken die Massen nun näher vor die überdachte Bühne und den nächsten Auftritt der Berliner Death-Thrasher POSTMORTEM. Von Götz noch einmal als deutsche Antwort auf Slayer betitelt, stehen die Jungs dann auch schon auf den Brettern. Solide rocken sie „Give Us Hate“, „Lobotomy“, „The Way Of The Knife“, „Der Totmacher“, „Hate, Kill, Destroy“ oder „Revolution“ runter. Leider springt der Funke nicht wirklich zum Publikum über. Das liegt zum einen an der niederprasselnde Feuchtigkeit, die fast das ganze Amphitheater leer gefegt hat und zum anderen daran, dass die meisten Leute im Bereich vor der Bühne eher nur Unterschlupf unter dem Dach suchen als Postmortem sehen wollen.
PRIMORDIAL stellen sich anschließend der schwierigen Aufgabe, ihre komplexen Songs auch am hellen Nachmittag so darzubieten, dass diese an Intensität und Atmosphäre nichts einbüßen. Für jede andere Band wäre das ein Problem, für Alan „Nemtheanga“ Averill ist das hingegen ein Kinderspiel. Blutüberströmt und mit irrem Blick zeigt einer der derzeit weltbesten Fronter, was es heißt, ein Publikum für sich einzunehmen. Mit theatralischer Gestik, grandiosem Gesang und einer Reihe geiler Songs (auch wenn das ein oder andere Highlight mangels Zeit fehlt) stellen Primordial klar, wer Chef im Ring ist. Einziges Manko: Der Soundmischer kommt mit der Band nicht zurecht und verpasst denen teils einen zu wummernden, matschigen Bass-Sound.
ENSLAVED haben es auf Festivals ebenfalls nicht leicht. Ihre stimmungsgeladenen und komplexen Songs sind nicht gerade für die Freiluftsaison prädestiniert. Dennoch geben Ivar und Grutle alles auf der Bühne, um das Trüppchen davor zu unterhalten. Den Anfang macht das geniale „Ethica Odini“ vom aktuellen Album, das selbst ein paar Headbanger auf den Treppen dazu bewegt, ihre Nackenmuskeln zu beanspruchen. Es ist schade, dass die einzigartige Atmosphäre der Alben nicht komplett auf die Bühne übertragen werden kann. Dennoch mindert das keineswegs die Qualität des Auftritts und vor allem der Songs. „Ruun“ ist zwar nicht partytauglich, aber immer noch wunderschön anzuhören.
Als erster Headliner stehen TRIPTYKON bereit. Quasi als Versöhnungsgeste für die in der Vergangenheit abgesagten Celtic-Frost-Auftritte. Trotz Wolkenbruch und klitschnassem Amphitheater präsentieren Tom G. Warrior und seine Band einen unvergesslichen Auftritt, bei dem nicht nur fast das gesamte Debütalbum „Eparistera Daimones“ gespielt wird, sondern man neben zwei Celtic-Frost-Covern auch noch drei unsterbliche Hellhammer-Songs zu hören bekommt – ein Ausnahme-Set, das man laut dem Bandchef so nie wieder hören wird. Schade ist nur, dass „Into Crypts Of Rays“ ausbleibt.
Tag 2, Samstag, 11. Juni
Das Schweizer Sextett DREAMSHADE eröffnet mit einer geballten Ladung Melo-Death den zweiten Tag. Auch wenn dieses Genre in den letzten Jahren sehr inflationär zum Vorschein kam, bieten die jungen Schweizer den Fans dennoch einen routinierten Auftritt. Nur Fronter Iko zerbrüllt gerne den ein oder anderen melodischen Gitarrenpart, wodurch eher der Eindruck einer 08/15-Hardcore-Band entsteht.
Viele erhofften sich Kind Diamond auf dem diesjährigen RockHard Festival. Dass der King wegen Herzproblemen nicht kommen konnte, ist schade, aber war nicht zu vermeiden. IN SOLITUDE sind jedoch für Fans des Genres ein kleines Trostpflaster. Von Fenriz hochgelobt und mit etlichen Mercyful-Fate-Zitaten gespickt, legt die Band einen soliden Auftritt hin, dem aber noch ein bisschen die Hits fehlen.
Bei DISBELIEF gibt es Death-Metal-Extravaganz. Sänger und einzig verbliebenes Gründungsmitglied Karsten Jäger brüllt, singt und verleiht dem Live-Auftritt die nötige Flexibilität. Manch ein Song wirkt aber eher zäh und manchmal wirkt die Band zu routiniert – nach 20 Jahren Bandgeschichte ist das entschuldbar. Immerhin geht in den vorderen Reihen viel Party.
EPICA sind im Gegensatz dazu die musikalischen Exoten auf dem Festival – was schon alleine deswegen ironisch ist, weil diese Band außerhalb des RockHard-Festival-Universums natürlich weit mehr Anerkennung genießt als unter den Kutte tragenden Old-School-Fans, die schon freudig Bullet erwarten. In diesem Spannungsfeld können Epica nur verlieren. Tun sie auch. Elsengejammer, ab und an eingeworfene „harsh vocals“, den meisten geht dieser Mix am Allerwertesten vorbei. Auf dem RockHard Festival hat diese Band schlichtweg nichts verloren. Schon aus reinem Eigennutz nicht.
BULLET gehören hingegen zum erweiterten Inventar. Bereits zum dritten Mal stolpert der wuschelige Fleischklopps Hell Hofer auf unverkennbare Weise auf die Bühne und zelebriert mit seinen Jungs (alle stilecht im Achtziger-Look) eine Classic-Metal-Orgie, die beim dritten Gastspiel der Band zwar nicht mehr überrascht, aber durchweg Freude bereitet. Die Matten werden geschüttelt, die Spandex-Hosen gedehnt und die Teufelshörner gen Himmel gereckt. Bullet nutzen sich nicht ab und sind gerne auch im nächsten Jahr willkommen.
MORGOTH sind wieder da – und tödlich wie eh und je. Die gute Portion Death Metal darf ja auch auf dem RockHard nicht fehlen. Mit mehreren Perlen ihres Prunkstückes „Cursed“ wird so dann auch der Zuschauer todesmetallisch verwöhnt. „Body Count“, „Isolated“ oder „Cursed“ sind nur einige Auszüge. Die Stimmung ist generell wohl zwiegespalten ob dieser weiteren Reunion, doch machen die Sauerländer ihren Job am heutigen Tage gut.
Einer der intimen Headliner und melancholischen Höhepunkte des RockHard sind AMORPHIS. Nach der Veröffentlichung ihres nächsten Hit-Albums „The Beginning Of Times“ kommt man nun auch live in den Genuss der neusten Werke. Bevor auch nur einer der Finnen zu entdecken ist, erzeugt schon die Melodie des Übersongs vom neuen Album „Battle Of Light“ für Gänsehaut. „My Enemy“, „Sky Is Mine“, „You I Need“, „Three Words“, „Silver Bride“, „Crack In A Stone“, „The Castaway“ und „House Of Sleep“ machen dann das Übrige. Als Outro und Bruch zur durchweg zum Wetterszenario passenden Atmosphäre bringt die Polkaversion von „House Of Sleep“ der Finnen Eläkeläiset die allumfassende Freude auf die meisten Gesichter.
ICED EARTH sind mit Matt Barlow auf Abschiedstournee. Dieses Mal wird es definitiv kein „Auf Wiedersehen“ mit dem sympathischen Sänger geben. So ist es nicht verwunderlich, dass die Herren aus Florida nochmal all ihre Energie in ihre Songs legen, um dem RockHard-Publikum ein einmaliges Erlebnis zu bereiten. Herr Barlow ist stimmlich bestens aufgelegt und singt sich oft bis in die höchsten Tonlagen, ohne dabei so quietschig wie einst Tim Owens zu klingen. Besonders die traurig-starken Balladen wie „Watching Over Me“ oder „Melancholy“ machen den Abschied schwer. Aber auch Matt wird es durch die minutenlangen Sprechchöre, die lautstark seinen Namen ertönen lassen, nicht anders ergehen. Iced Earth legen einen perfekten Headliner-Gig ab.
Tag 3, Sonntag, 12. Juni
Scheiß auf Müdigkeit! Den dritten Festivaltag zu eröffnen, mag eine besondere Herausforderung sein, VANDERBUYST tun dies aber mit so einer unfassbar aufbrausenden Energie, dass man von der ersten Sekunde an Feuer und Flamme für die Band ist. Siebziger-Rock wird hier mit so viel Stage-Athletik präsentiert, dass einem die Spucke wegbleibt. Den Augenringen von Gitarrist Willem Verbuyst nach zu urteilen, war die Band zwar selbst nicht im Bett, dem Energiepegel tut das jedoch nicht schlecht. Willem spielt hinter dem Kopf Gitarre, posiert, haut Solos raus – einen besseren Opener kann man sich nicht wünschen.
ENFORCER haben danach eindeutig einen schweren Stand, vor allem da der zweite Gitarrist zu fehlen scheint und Sänger Olaf demnach zur Klampfe greift und weniger Energie ausstrahlt. Die Bühnenperformance wird dadurch statischer, der Auftritt verliert an Power. Und auch musikalisch macht sich die Doppelbelastung des Frontschönlings bemerkbar. Immer wieder verfehlt er einen Ton, wirkt etwas überfordert. Beim nächsten Mal bitte wieder nur singen. Danke!
Dass ATLANTEAN KODEX auf dem RockHard Festival spielen würden, war nach der geballten Lobhudelei nicht verwunderlich. Und die Begeisterung geht nicht nur von den Veranstaltern, sondern auch vom Publikum aus. Die Old-School-Fraktion kriegt einen Kollektivorgasmus als die schweren Heavy-Metal-Klänge, die ab und an frühe Manowar zitieren, auf sie losgelassen werden. Sänger Markus Becker singt zwar durchaus passabel, hat aber sonst die Ausstrahlung eines Knäckebrots. Egal, immerhin zählt ja die Musik. Und auch wenn der Hype etwas übertrieben und die Musik in der Sonne doppelt zäh wirkt, geht die Meute steil. So schnell scheint die Begeisterung für diese Truppe nicht abzuflachen.
Die deutschen Heavy-Metal-Ikonen und mehr als unterbewerteten Metallwerker METAL INQUISITOR haben – Metalgott sei dank – auch ihren Platz im Billing des diesjährigen Ruhrpott-Metal-Mekkas gefunden. Mit ordentlich Eiern, einmaligem Sound und einem Paar grandios-kultiger weißer Stiefel an den Füßen des Klampfers brennen die Jungs ihr Set runter. Mit Songs wie „Betrayed Batallion“, „Quest For Vengeance“, „Casualty Evacuation“, „Restricted Agony“ oder „Daze Of Avalon“ ist das ganze auch (fast) nur noch reine Formsache – nein, die Jungs veredeln den Metall ihrer Songs und haben mit Sicherheit heute noch weitere Fans gewonnen.
Technikfetischisten bitten anschließend zum Tanze. ANACRUSIS legen einen ihrer seltenen Auftritte aufs Parkett und verscheuchen damit diejenigen, die sich nicht für die progressive Thrash-Ausrichtung erwärmen können. Und eigentlich ist das auch verzeihbar. Nach fast drei Festivaltagen mag das zwar technisch einwandfrei sein, ab und an ist die Mucke dennoch arg schwer verdaulich. Allerdings gilt das nur für die Besucher, die ernüchternd auf den Rängen zuschauen. Vor der Bühne geht eine Menge Action. Anacrusis haben – so scheint es beinahe – einen eigenen Fanclub mitgebracht, der der Band huldigt.
Einen weiteren Power-Metal-Höhepunkt bieten beim diesjährigen Festival die US-Amerikaner VICIOUS RUMORS. Neben Mastermind Geoff Thorpe schafft es besonders Vokalist Brian Allen durch seine Gestik und Mimik das Publikum zusätzlich zur Musik mitzureißen. Das Set unterstützt den Eindruck und schlägt sich von Klassikern wie „Soldiers Of The Night“ bis hin zu Songs vom aktuellen Release „Razorback Killers“. Neben dem Titelsong des Debüts treffen auch noch „Digital Dictator“, „Razorback Blade“, „Dust To Dust“, „Out Of The Shadows“, „Worlds And Machines“, „Hellrazor“ oder „Don’t Wait For Me“ auf die fast tauben Ohren der Altmetaller.
Und wenn das Trommelfell bis hierhin noch nicht geplatzt ist, wird es von OVERKILL endgültig in Stücke zerfetzt. Die Band hat einen speziellen Auftritt angesagt und verdammt nochmal, speziell soll es auch werden. Natürlich hat Bobby Blitz recht, wenn er sagt, dass jeder Overkill-Auftritt pures Dynamit ist, aber heute zünden die Thrasher wirklich jedes Register, hauen nicht nur ihre unsterblichen Hits wie „Rotten To The Core“, „In Union We Stand“ und „Hello From The Gutter“ raus, sondern spielen auch vorher noch nie gehörte Demo-Songs, wie „Death Rider“ und „The Beast Within“. Die werden zwar bei weitem nicht so abgefeiert wie die bekannten Evergreens, unterstreichen aber die Einmaligkeit des gesamten Auftritts, der das Amphitheater ohnehin in einen Hexenkessel verwandelt. Bis hoch auf den Rängen wird Luftgitarre gespielt, die Matte geschüttelt, mitgesungen. Bobby Blitz rauscht dabei im Adrenalinrausch über die Bühne und verweist alle Jungspunde des Vormittags auf ihre Posten. Overkill haben in diesem Jahr keinen Gegner. Schlichtweg ein grandioser Auftritt!
Der anschließende Karaoke-Jam, bei dem sich die Gewinner des Wettbewerbs auf der Hauptbühne beweisen dürfen, wird dieses mal mit einem Gesangduo von Mara, die das „Dicke-Dinger-Rock Hard-Cover“ zierte, und ihrer Freundin Betty. Zusammen singen die beiden Iced Earths „Watching Over Me“ und obwohl bei weitem nicht jeder Ton sitzt, lässt sich Jon Schaffer im Fotograben mit einem breiten Lächeln blicken. Gefolgt und getoppt wird das jedoch von dem 11-jährigen Paul, der seinen Mut zusammenfasst und Iron Maidens „Fear Of The Dark“ singt. Ab dem ersten Ton ist er der Held der Stunde und erntet mehr Zugabe-Rufe als so mancher Headliner.
Zum sprichwörtlichen „DOWN kommen“ und noch mal richtig die Sau raus lassen, beenden die Southern Metaller um Fronter und Profi-Arschloch Phil Anselmo (ex-Pantera) das Festival. Phils Ego füllt auch heute Abend wie erwartet das ganze Amphitheater und präsentiert auf überzeugende Weise die Outlaw-Attitüde der Jungs. Hinzu kommen wohl auch noch der Slot als Headliner und Abschluss des ganzen Wochenendes und das dementsprechend gut gefüllte Amphitheater. Musikalisch ist den Jungs wie eh und je kein Vorwurf zu machen. Die Songs zünden, die Riffs rocken und die Grooves grooven. Mit Songs wie „New Orleans Is A Dying Whore“, „Lifer“, „Temptations Wings“, „Stone The Crow“ oder dem abschließenden „Bury Me In Smoke“ kann die Band einfach nichts falsch machen. Noch kurz „Sweet Home Alabama“ im Sample als „Sweet Home Louisiana“ vertont und das Set steht in seinen Grundfesten. Ein guter Auftritt, der in mancher Facette dem Charakter eines Headliners etwas zu gerecht wurde – doch Bescheidenheit steht auch einfach keinem Phil Anselmo.
Damit geht das RockHard Festival 2011 zu Ende. Das Amphitheater leert sich. Hier und da wird eine Bierleiche aufgeweckt, die letzte Runde am Getränkewagen geholt oder bereits die Abreise angetreten. Es war ein nasses Jahr für das RockHard Festival. Da ist die Erschöpfung bei vielen groß. Wer noch Energie hat, feiert in den Pfingstmontag hinein. Für den Rest ist Zapfenstreich. Die Fortsetzung gibt es im nächsten Jahr. Mit dabei sind dann auch:
Dorian Gorr, Jenny Bombeck, Benjamin Gorr, Elvis Dolff und Bastian Gorr

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