
Schlaflos in Südamerika
Nach dem Release von „16.6.: Before The Devil Knows You‘re Dead“ gingen PRIMAL FEAR auf große Welttournee. Von ihrem Trip durch die Länder dieser Erde zeugt nun die brandneue DVD „16.6. – All Over The World“. Bandchef und Bassist Mat Sinner über die schönen und schlechten Erlebnisse auf Tour.
Interview: Dorian Gorr | Fotos: Frontiers
Mat, Primal Fear haben ihre zweite DVD veröffentlicht. Wann und wie entscheidet man sich dazu, dass es Zeit ist, eine weitere DVD zu veröffentlichen?
Man hört einfach auf die Stimme des Fans. Wenn sich die Stimmen mehren, die eine Live-DVD beziehungsweise eine Live-CD fordern, dann fängt man an, darüber nachzudenken. Wenn es dann die Möglichkeit gibt, ohnehin etwas auf Tour mitzuschneiden, dann macht man das.
Ihr habt euch letztlich für Auftritte aus der Schweiz und den USA entschieden. Waren das die einzigen mitgeschnittenen Konzerte?
Nein. Wir haben noch zwei weitere Auftritte mitgeschnitten, uns dann aber letztlich für die beiden besagten Konzerte entschieden, da die Band dort am authentischsten herüberkommt.
Wieviel muss bei einer DVD-Produktion im Endeffekt noch herumgeschustert werden?
Für mich als verantwortlicher Produzent ist das ein sehr viel größerer Berg Arbeit, den ich erklimmen muss, als bei einer Audioproduktion. Man sieht sich mit der Aufgabe konfrontiert, das Passende zusammenzusetzen. Man muss es vielen Leuten recht machen. Das ist ein Haufen Arbeit. Vor allem wenn man einen so hohen Anspruch an sich selbst hat und unbedingt möchte, dass das Endprodukt uns so repräsentiert, wie wir uns selbst sehen.
Wenn das so viel Arbeit für dich ist, warum gibst du diesen Job nicht an eine externe Person ab und machst das gleiche, was die anderen Primal-Fear-Mitglieder machen: Musik. Und nichts anderes.
Weil ich damit zu oft auf die Schnauze gefallen bin. Letztlich muss ich dann für etwas zahlen, womit ich im schlimmsten Falle nicht einmal zufrieden bin. Ich habe entgegen manch einer Meinung kein Problem damit, solche Dinge grundsätzlich aus der Hand zu geben. Meine eigenen Platten mischen beispielsweise oft andere Leute, weil ich zu dem Zeitpunkt immer schon viel zu lange im Studio bin. Da braucht man dann ein frisches Ohr. Aber bei der DVD ist das nicht so. Ich kenne die Jungs in meiner Band am besten. Ich weiß wie sich jeder von denen sehen möchte, wie sie sich selbst gefallen. Diesen Bonus hat eine externe Person nicht. Der macht das so, wie er es für richtig empfindet. Ich stecke da als Bandmitglied viel tiefer drin. Nur so kann ein Produkt entstehen, das mit so viel Liebe zum Detail überzeugt. Das wäre bei einem Außenstehenden niemals so geworden.
Wenn du sagst, dass du da schlechte Erfahrungen gemacht hast, beziehst du dich dann damit auf die erste Primal-Fear-DVD?
Nein, nein. Wir reden da zwar über das Engagement von externen Produzenten, aber das betrifft eher Sinner, wo es ein paar Mal in die Hose gegangen ist. Seitdem mache ich das alles selbst – zumindest solange die Jungs das gut finden und keine Verrisse in der Presse stehen.
Auf der DVD sehen wir Auftritte von der Tour zu eurem aktuellen Album „16.6.: Before The Devil Knows You‘re Dead“. Bei dieser Tour seid ihr ja tatsächlich beinahe überall gewesen. Von Japan bis Südamerika. Sind diese exotischeren Länder tatsächlich so toll, wie es oftmals behauptet wird?
Das kommt immer drauf an. Jedes Land hat seine guten und seine schlechten Seiten. Wenn ich in Brasilien unterhalb der Woche spiele, wo am nächsten Tag auch alle zur Arbeit müssen, dann ist das keine andere Stimmung, als wenn man hier unter der Woche ein Konzert gibt. Ich würde lügen, dass es von der Stimmung so sehr viel anders ist als bei unseren Auftritten in Deutschland. Aber natürlich ist es eine tolle Aufgabe und als Band kann man durchaus stolz darauf sein, wenn man da touren darf und da jeden Abend vor rund tausend Fans steht.
Und zu den negativen Seiten dieser Länder gehört vermutlich oft, dass das Equipment keinesfalls mit den hiesigen Standards in Konzerthallen zu vergleichen ist oder?
Ja, das stimmt. Da gibt es schon manchmal Momente, in denen man die Arschbacken zusammenkneifen muss. Da kann man nicht einfach ein Konzert absagen, nur weil man mit dem Equipment nicht zufrieden ist. Dort ist nicht alles Gold was glänzt. Die Soundanlagen sind im Durchschnitt etwas schlechter, aber ich spiele immer lieber ein Konzert mit nicht ganz so tollem Equipment als es abzusagen. Weil damit verärgert man lediglich die Fans, die zum Teil lange darauf gewartet haben, dass man endlich mal wieder vorbeischaut.
Südamerika ist doch auch ein beliebtes Urlaubsziel für viele. Lässt sich das Tourleben mit ein bisschen Urlaub vereinbaren, wenn man denn dann schon einmal in den entsprechenden Gegenden ist?
Ehrlich gesagt: Das ist immer das absolute Gegenteil von Urlaub. Die letzte Tour dort war eher die pure Folter. Wir waren einen Tag in Mexiko, dann direkt rüber nach Kolumbien, dann haben wir kurz Pause gemacht, sind sofort weiter nach Argentinien und schließlich nach Brasilien. Das war eine Woche, in der ich vielleicht einen Tag geschlafen habe. Die anderen Nächte haben wir auf Flughäfen und in Flugzeugen verbracht. Und deren Sicherheitsstandards sind auch nicht unbedingt so, wie man es hier gewohnt ist. Wer da ruhig schlafen kann, vor dem ziehe ich meinen Hut.
Aber wie gibt man denn dann am nächsten Abend wieder hundert Prozent für die Personen, die vor der Bühne stehen?
Das hängt in meinen Augen nur davon ab, wie man sich selbst als Band sieht und was man von sich selbst erwartet. Wenn man Musik als Lebensaufgabe betrachtet und es einfach liebt, auf der Bühne zu stehen, dann ist es auch möglich, dass man nach Tagen ohne Schlaf alles auf der Bühne geben kann.
Aber dann verzichtet man zumindest auf die anschließende Aftershow-Party oder?
Ja, manchmal ist man bei solch einem Trip tatsächlich so ausgelutscht, dass einem alles nur noch scheißegal ist. Da will man nichts mehr vom Buffet, sondern nur in irgendeine Ecke und seine Ruhe haben. Aber natürlich gehört zu so einer Tour auch der Spaß dabei. Es kann ja nicht immer alles so bierernst sein.
Während der Tour habt ihr auch viele neue Songs gespielt. Meine Empfindung war, dass diese sehr viel verhaltener vom Publikum aufgenommen wurden. Ist es eine kluge Wahl, direkt so viele neue Songs zu spielen, wenn das Album noch nicht allzu lange draußen ist?
Das habe ich ganz anders empfunden. Ich war positiv überrascht, wie die Leute auf die neuen Songs reagiert haben und wieviele die Texte bereits kannten. Für mich war da kein Unterschied zu den anderen Songs ersichtlich.
War denn die Setlist die ganze Tour über gleich?
Ja, das machen wir immer so. Wir fertigen vor der Tour eine Setlist an und diese spielen wir jeden Abend. Wenn wir zwischendurch merken, dass ein Song nicht so gut funktioniert, wie wir es dachten, dann wird er ausgetauscht. Das war bei der Tour aber nicht der Fall.
Ist so etwas denn nicht auch gefährlich? Da kommt doch zwangsläufig eine langweilende Routine auf.
Ganz im Gegenteil. Wir haben mehrere Konzerte gefilmt. Das Konzert, das wir zu Beginn in Atlanta spielten, war von der Qualität her viel geeigneter, wir entschieden uns trotzdem für den später stattgefundenen Schweiz-Auftritt, auch wenn er vom Bild etwas weniger geil war. Dafür war dort viel mehr Action. Wenn man lange unterwegs ist, stellt sich irgendwann die Lockerheit ein. Man ist nicht mehr nur darauf konzentriert alles richtig zu machen, sondern hat mehr Power, eben weil man routinierter an die Songs herangeht.
Das neue Album war das erste mit Magnus, eurem neuen Gitarristen. Dennoch sehen wir ihn nicht auf der DVD. Wieso nicht?
Er und seine Frau hatten ein zweijähriges Kind und bekamen zu dem Zeitpunkt dann auch noch Zwillinge. Also hopsten bei ihm drei sehr junge Kinder zuhause herum. Er bat uns darum, eine kurze Auszeit nehmen zu dürfen. Das war für uns kein Problem. Wir sind alle Menschen und kennen diese Situation, also haben wir uns um Ersatz bemüht. Mittlerweile ist Magnus aber wieder voll und ganz dabei.
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